16. February 2010 4 Kommentare » 4. Jahrgang

„Westerwelle sieht Deutsche hinter sich“

faz:net 16. Februar 2010

Die Unverständigen erben Torheit; aber Erkenntnis ist der Klugen Krone. Die Bösen müssen sich bücken vor den Guten und die Gottlosen an den Toren der Gerechten. Der Arme ist verhasst auch seinem Nächsten; aber die Reichen haben viele Freunde. Wer seinen Nächsten verachtet, versündigt sich; aber wohl dem, der sich der Elenden erbarmt! Die nach Bösem trachten, werden in die Irre gehen; die aber auf Gutes bedacht sind, werden Güte und Treue erfahren. Wo man arbeitet, da ist Gewinn; wo man aber nur mit Worten umgeht, da ist Mangel.

Die Sprüche Salomos Kapitel 14, Verse 18 bis 23

Hätte der Politkrawalleur Guido Westerwelle ein sensibel zutreffendes Empfinden für das, was „die Mehrheit unseres Volkes” will, zeugte das, was der schriftstellernde französische Philosoph und Historiker Hippolyte Taine (1828 -1893) zu Papier brachte von tiefer Kenntnis der menschlichen Seele: „Das allgemeine Wahlsystem in einem gleichgültigen Land läuft immer darauf hinaus, die Macht in die Hände deklassierter Schwätzer zu legen.” So ist es. Und nicht anders.

Die Deutschen sind ein Volk, das wieder und wieder herunterleiert, es sei Teil des „christlichen Abendlandes“ und orientiere sich am „christlichen Wertekanon”.

Wer ihnen indes dabei zusieht und genau hinhört, wenn sie öffentlich oder in Hinterzimmern miteinander reden, der weiß, diese Besitztumschristen können ihrer Lebtag noch nicht vom Brief des Paulus an die Christen in Galatien gehört haben. Denn im zweiten Vers des sechsten Kapitels schreibt der Apostel: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.”

Das Christentum nach Großwetterlage haben sie unter anderem vom Politikaster Helmut Schmidt gelernt. Der hatte sich, wie fast alle, die in Ämter gewählt werden wollten und wollen, als christlicher Abendländler zur Schau gestellt.

Auf die Frage, wie er das „Nachrüsten” der zweiten Republik auf deutschem Boden in den 80er Jahren des verflossenen Jahrhunderts mit Christi Bergpredigt in Einklang bringe, erwiderte er sinngemäß, die Seligpreisung der Friedfertigen am See Genezareth sei ein Traum, der für die Wirklichkeit nicht tauge.

Kurt Tucholsky hat es erkannt: „Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn’s ihm gut geht, und eine, wenn’s ihm schlecht geht. Die letztere heißt Religion.”

Dem Lauttöner Westerwelle, einem Provinzler mit der Redebegabung eines Hütchenspielers vom Kurfürstendamm, geht es nicht nur gut. Es geht ihm offenbar zu gut! Folglich ist er, ohne religiösen Beweggrund, aufs Eis gegangen, um zu tanzen. So wie es der Esel tut, wenn’s ihm zu wohl ist.

Die Möglichkeit einzubrechen, hat der Bonner Kleinbürger, wie’s aussieht, nicht in Betracht gezogen. Er scheint zu meinen, die 14,6 Prozent dicke Decke vom September 2009 werde ihn bis ans Ende der Legislaturperiode tragen. Deshalb wohl dreht er Pirouetten und macht Sprünge, dass es dem Publikum den Atem verschlägt. Dabei grölt er, ohne etwas von Noten zu ahnen, lauthals schweinische Texte.

„Es scheint in Deutschland nur Bezieher von Steuergeld zu geben, aber niemand, der das alles erarbeitet” tönt es vom Glatteis, auf das er Zuschauer und -hörer locken will. Und: „Ein anstrengungsloser Wohlstand lädt zu altrömischer Dekadenz ein.” Daran kann was Wahres sein. Denn: Anstrengungslos sind die gelbblauen Krisengewinnler zu ihren 14,6 Prozent gekommen. Das wird ihren „sittlichen und kulturellen Verfall” erheblich beschleunigt haben.

Anders ist nicht zu erklären, was diesen Eiertänzer antreibt, wenn er im Falsett anstimmt: „Es muss einer, der arbeitet, mehr verdienen, als einer der nicht arbeitet – das muss man in Deutschland noch sagen dürfen. Alles andere ist Sozialismus.” In „Blöd”, dem Verbandsorgan geistig, geistlich und moralisch Zukurzgekommener, hat er nachgelegt: „Wir müssen verhindern, dass derjenige der arbeitet immer der Dumme ist.”

Ginge es nach diesem Scharfmacher der politisch schwachbrüstigen Schutztruppe aller Spekulanten und Steuerbetrüger, müsste der Staat mit Versicherten, die ohne eigene Schuld arbeitslos geworden sind, noch schäbiger umspringen als es die Sklavenhalter mit den von ihnen Abhängigen tun.

Eine teuflische Logik: Wenn sich schon hart Arbeitende mit den Almosen, die ihnen für Knochenjobs hingeworfen werden, nicht über Wasser halten können, dann sollen die von Aasgeiern der Marktwirtschaft um ihre Arbeitsplätze Gebrachten jedenfalls vor ihnen untergehen.

Das Raubtier Mensch zu befrieden, scheint unmöglich zu sein. Es ist aber machbar, dafür zu sorgen, dass jeder Mensch auf der Erde in Würde leben kann. Sogar in der Bundesrepublik Deutschland sollte es zustande zu bringen sein, dass arbeitende Menschen durch ihre Einkommen ein würdevolles Auskommen haben.

Dem steht jedoch die Habsucht und Raffgier derer entgegen, die sich die gelbblaue Clique halten, um ihre von Gewinnsucht bestimmten Pläne und geldschneidenden Vorhaben in die Tat umsetzen zu können.

Die leben weder von ihrer Hände Arbeit noch dadurch, dass sie ihr Gehirn in Tätigkeit setzen. Die hocken im Luxus, der ihnen durchs Ausstreuen von Gerüchten, durch das Spekulieren an allen Börsen des Globus und – und das nicht zuletzt – durch das Hinterziehen von Steuern, in den Schoß gefallen ist.

Die haben die Jauche angerührt, in der die sogenannten kleinen Leute bis zum Hals stecken. Die haben florierende Unternehmen – für die sie allzu oft staatliche Zuschüsse bezogen – an die Wand gefahren und sich danach millionenschwer verabschiedet.

Die haben jene Menschen, auf die ihre völlig skrupellosen Politlakaien mit manikürten Fingern zeigen, „arbeitslos” gemacht und in den Ruin getrieben. Deren gelbblaue Blase verweigert denjenigen, deren Interessen sie vorgeblich wahrnimmt, einen gerechten Lohn oder das ihrer Arbeit gemäße Gehalt. Die lassen ihre gesinnungslose politische Drückerkolonne den „Mindestlohn” madig machen.

Die hetzen diejenigen, die noch „in Lohn und Brot stehen”, gegen die auf, die sie ins Elend gebracht haben. Die lassen verbreiten, Hartz IV-Empfänger bereicherten sich an den Hungerbezügen, für die sie sich von Beamten, denen nicht gekündigt werden kann, demütigen lassen müssen.

Dass Arbeitslose, oft bis zu 40 Jahre lang, in eine Versicherung gegen die Folgen der Arbeitslosigkeit eingezahlt haben, das findet auch die deutsche Journaille kaum erwähnenswert. Was davon kommt, dass nur noch Spekulanten, Betriebswirte, Controller und schwarzgelbe Politschranzen in Verlagen und Sendern das Sagen haben.

In der Anstalt auf dem Lerchenberg in Mainz geht die sagenhafte Dreistigkeit der „Verantwortlichen” so weit, dass sie Gehalts- und Honorarabhängige sogar zwingen, durch eine Handbewegung klar zu machen: „Wer hier schafft, der muss auf dem rechten Auge blind sein. Oder sich blind stellen.”

Auf diese Weise sieht ein Mensch nur dann „besser” – das kann sich jeder an den zwei Fingern ausrechnen, die sich das Gesinde des Senders ins rechte Auge schiebt – wenn er im CDF den Speichel von schwarzen Machthabern und deren gelbblauen Hintersassen aufleckt.

Nichts scheint der Gang um Guido den Paten zu schaden. Allerdings: Es sollte sich keiner von jenen, denen die Fiese Demagogische Partei heute nützt, darauf verlassen, dass das so bleibt. Merke: Wer dem nassforschen Guido traut, hat auf nassen Sand gebaut.

Und stets an den Propheten Hosea des Alten Testaments denken. Der hat Menschen, wie dem Windmacher Westerwelle hinterlassen: „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten. Ihre Saat soll nicht aufgehen; was dennoch aufwächst, bringt kein Mehl; und wenn es etwas bringen würde, sollen Fremde es verschlingen.”


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