22. Januar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Mut zum Schluss”

(Antje Vollmer, ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, in der Süddeutschen Zeitung 20./21. Januar 2007)

„Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‘Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.’”

(Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Rom, Kapitel 12, Verse 17 bis 19)

Sie lassen Kreuze und Kruzifixe in Schulen, Gerichten und anderen öffentlichen Gebäuden anbringen und sagen dazu: „Wir leben schließlich im christlichen Abendland!” Sie berufen sich auf „christliche Traditionen” und fordern, dass in der in Arbeit befindlichen Verfassung für die Europäische Union (EU) unbedingt auf GOTT Bezug genommen werden müsse. Wobei sie, nebenbei bemerkt, so tun, als hätten sie vergessen, dass zwischen Staat und Kirche – aus gutem Grund – eine politisch gewollte und verordnete strikte Trennungslinie verläuft.

Kurzum: Sie faseln von GOTT und den die Menschen erquickenden Vorzügen „christlicher Werte” und haben dabei von Vokabeln wie Gnade, Gerechtigkeit, Erbarmen, Barmherzigkeit, vergeben, verzeihen, dulden und erdulden offenkundig noch nie etwas gehört. Geschweige denn, den Wert des Inhaltes dieser Wörter gespürt. Friedfertigkeit – was soll das sein? Das einzige ihnen geläufige Wort aus der Heiligen Schrift heißt „Rache”. So scheint es. Wobei ihnen, das ist ebenfalls klar zu erkennen, nie jemand deutlich gemacht haben kann, dass diese Art des Vergeltens allein dem Schöpfer vorbehalten bleiben soll.

„Wir werden doch wohl, um abzuschrecken, drei bis vier Exempel statuieren dürfen!” Fast ist zu hören, was sie denken. Tatsächlich sind sie zu feige, Opfern und Verwandten von Opfern zu erklären, dass die Taten von Kriminellen nicht durch immer drakonischere Strafen und unstillbaren Rachedurst ungeschehen zu machen sind. Sie könnten sich an Yehudi Menuhin, dem großen Violin-Virtuosen (1916-1999) ein Beispiel nehmen und damit deutlich machen, dass Rache in allen Rechtsstaaten als „niederer Beweggrund” gilt. Womit keineswegs nur die Rache gemeint sein darf, die manche Straftäter an ihren Opfern genommen haben.

Menuhin jedenfalls spielte 1947 unter dem Dirigenten Wilhelm Furtwängler in Berlin. Das haben ihm manche Kollegen und andere bis zu seinem Tode übel genommen. Furtwängler hatte mehr oder minder heftig mit den braunen Machthabern gekuschelt. Vermutlich durfte er deshalb während ihrer Diktatur die Berliner und die Wiener Philharmoniker leiten. Menuhin hat die Entscheidung für das Konzert bis in sein Alter gerechtfertigt: „Ich hatte das Gefühl, dass es Zeit war, nachdem so viele Menschen ins Elend geschickt worden sind, wieder für das Gute zu arbeiten.”

Im Jahre 1947 hat der Geiger, Jüdinnen und Juden, die während der Nazizeit in KZs geschunden und/oder deren Angehörige in diesen „Lagern” ermordet worden waren, und die er zu dem Konzert eingeladen hatte – kaum jemand kam nach einem Boykott-Aufruf –
sinngemäß erklärt: „Ich, ein jüdischer Musiker, sage Ihnen: ‘Wenn wir Juden jetzt nur an unsere Rache denken, dann sind wir nicht besser als die Nazis.’” Am Ende hat ihn sogar der Initiator des Boykottaufrufes um Verzeihung gebeten.

Heute legen gewählte Volksverspotter, die dem Volk noch nie aufs Maul geschaut haben, ihm aber ständig nach dem meinungserforschten Maul reden, Maßstäbe an, die sie sich nach Bedarf zurechtbiegen, -schneiden oder -zimmern. Sie geben der Kalenderweisheit: „Was dem einen recht ist, ist dem anderen billig” eine, den Sinn ins Gegenteil verkehrende Bedeutung. Die ahnen gewiss nicht einmal, dass vor Gott alle Menschen gleich sind. Auch die noch immer einsitzenden ehedem führenden Mitglieder der sogenannten Rote Armee Fraktion (RAF).

Es stimmt, das war eine Terrororganisation, die in den 70er und 80er-Jahren des verflossenen Jahrhunderts Angst und Schrecken verbreitete. Auch unter den Menschen, die nicht auf ihrer wörtlich gemeinten Abschussliste standen. Es handele sich bei den Mitgliedern der RAF keineswegs um „fehlgeleitete, kranke Idealisten”, sondern um ganz üble Feld- Wald- und Wiesenverbrecher, denen keinerlei Sonderbehandlung zustehe. Sangen und singen unisono Politiker und eine gewisse Sorte von Pressevertretern. Das mag richtig sein. Dann allerdings müssen sich die Verfechter dieser Sicht heute fragen lassen, wieso sie es als „normal” empfinden, dass Brigitte Mohnhaupt, Christian Klar und Eva Haule (Mohnhaupt und Klar seit 1982, Haule seit 1986) immer noch eingekerkert sind. Birgit Hogfeld seit 1993.

„Normale Mörder” haben nach Paragraf 57a des Strafgesetzbuches nach 15 Jahren eine erste Chance außerhalb des Knastes zu beweisen, dass sie sich gewandelt haben. Selbst Albert Speer saß „nur” 20 Jahre in Spandau „und danach standen ihm sogar die Türen der Berliner Gesellschaft offen”, wie Antje Vollmer in ihrer „Außenansicht” in der Süddeutschen Zeitung schreibt.

Überhaupt: Nur mit „allergrößter Mühe” konnten sie die bösartigsten Naziverbrecher dingfest machen. Was allerdings nicht hieß, dass die dann irgendwann mal dort gelandet wären, wohin sie gehört hätten. Die zu führenden Prozesse schleppten sich über Jahre, so dass die Braunen in Ehren – weil nicht verurteilt – ergrauen und sich biologisch abbauen konnten. Die meisten sind ihnen –„Wir bedauern das sehr (schluchz)” – eh durch die Lappen gegangen. Nach Spitzeln und ähnlichen oft das Leben gefährdenden Zuträgern der Jahre von 1933 bis 1945 suchte nach 1945 kein Mensch. Beim Aufstöbern kleinster Denunzianten oder Apparatschiks aus der Zeit der DDR indessen zeigen sie eine Genauigkeit, eine Gnadenlosigkeit und eine Rachsucht, die ihresgleichen sucht.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Von den 26 zu „lebenslänglicher Haftstrafe” verurteilten RAF-Mitgliedern haben sich drei in der Haft das Leben genommen, 19 sind bislang frei gekommen. Nicht wenige davon nach langwierigen, eindeutig ideologischen Rangeleien mit Parteichristen.

Denen könnte die „Lieblingsstelle” Herbert Wehners in der Heiligen Schrift (Pauli Brief an die Gemeinde in Rom, Kapitel 12, Verse 9 bis 21, siehe oben) – ja, dieser immer wieder in den Politdreck gezogene Mann las die Bibel mit einer Intensität, die sich mancher Theologe zum Vorbild nehmen könnte, von Politchristen ganz zu schweigen – ebenso auf die Sprünge helfen wie der Brief des Apostels an die Gemeinde in Kolossai: „So zieht nun an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!”.


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