„Ein Gewinn für Berlin”
(Gereon Asmuth in die tageszeitung 22. Januar 2007)
„Und David tat seine Hand in die Hirtentasche und nahm einen Stein daraus und schleuderte ihn und traf den Philister an die Stirn, daß der Stein in seine Stirn fuhr und er zur Erde fiel auf sein Angesicht. So überwand David den Philister mit Schleuder und Stein und traf und tötete ihn.”
(Das erste Buch Samuel, Kapitel 17, Verse 49 bis 51)
Manche Leute sind so engstirnig, dass sie mit beiden Augen durch ein Schlüsselloch kucken können. Was die Engstirner als „normal” empfinden. Peinlich, meist sogar bösartig, wird das dann, wenn die Schlüssellochriesen im Missionarskittel durch die Zeiten ziehen und mit in Jauche getunktem Zeigefinger auf richtige Menschen deuten. Das hat für die Angezeigten oft katastrophale Folgen. Sie dürfen sich danach fast noch glücklich schätzen, wenn sie „nur” bespuckt oder angepöbelt werden oder aus dem guten Ansehen der Gesellschaft herausfallen.
Entsetzlich auswirken kann sich das Weben anmaßender Flach- und Engstirner – die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit besser Geld zählen können als Lesen und Schreiben, weshalb sie schlechte Fotos mögen und große Buchstaben schätzen –, wenn ihnen Mittel zu Gebote stehen, die ihre schmuddeligen Zeigefinger ins Unermessliche verlängern.
Da kann es vorkommen, dass ein Konsument solcher Spottgeburten aus Dreck und Feuer – denen das Feuer fehlt –, sich aufgerufen fühlt, auf einen bildhaft Vorgeführten anzulegen. So schoss am 11. April 1968, nach ausgiebigen Zeigefingerattacken eines Blattes, das vielen Menschen am liebsten am Allerwertesten ist, der junge Hilfsarbeiter Josef Bachmann dreimal auf den Studentenführer Rudi Dutschke. Der erlitt lebensgefährliche Gehirnverletzungen und überlebte nur knapp. Starb aber am Heiligen Abend(!) 1979 an den Spätfolgen des Attentats. Für das die Mitverursacher ihre Hände in Unschuld wuschen.
Die Schützenhelfer wähnten den sanftmütigen, allerdings in heiligem Zorn über den Zustand der Menschheit und die zur Regel gewordenen Ungerechtigkeiten entbrannten Rudi Dutschke (* 1940) bezwungen und längst vergessen, als zu dessen 25. Todestag, im Dezember 2004, eine ganz eigene Form des Straßenkampfes einsetzte. Die in Berlin erscheinende „tageszeitung” schlug vor, eine Straße, nein, nicht eine, sondern einen Teil der Kochstraße – dort steht die Zentrale des Unternehmens, in dem Blätter erscheinen, die Engstirnern die Welt verdeutlichen – in Rudi-Dutschke-Straße umzubenennen.
Holla, da setzte ein Hauen und Stechen ein. Arm in Arm mit den Berliner Clerikal Unierten trugen die Mittäter von damals und ihre Nachfolger alles zusammen, was sie für Argumente gegen eine Namensänderung hielten. Nützte alles nichts. Im August 2005 stimmte das Lokalparlament Friedrichshain-Kreuzberg dem Antrag, ein Stück der Kochstraße künftig Rudi-Dutschke-Straße zu nennen, zu. Übrigens: Die Mitglieder der einstmals ruhmreichen Partei der Spezialdemokraten mussten mühsam davon überzeugt werden, mitzumachen.
Das Abstimmungsergebnis passte den Schwarzkitteln nicht den Kram. Plötzlich entdeckten sie ein Instrument der Demokratie, das sie bis dahin als „populistisch” abgekanzelt hatten: das Bürgerbegehren. Und? Am Sonntag, den 21. Januar 2007, zeigten ihnen 51,7 Prozent der Berliner, die abstimmten, wo für Rudi Dutschke eine Duftmarke gesetzt werden soll: Auf dem Teil der Kochstraße, der die Axel-Springer-Straße kreuzt, Vorfahrtsstraße und auch noch länger als die nach einem Hamburger Verleger benannte Wegstrecke ist.
Gut 25 Jahre nach seinem Tod hat David dem Goliath mit einem Pflastersteinchen ein Loch in die enge Stirn geschossen. Was der Riese noch nicht bemerkt zu haben scheint: Er hat sich mit einigen Anliegern zusammengetan, um die Demokratie auf dem Prozesswege auszuhebeln. Er wird sich verheben. Denn: Gottes Mühlen mahlen langsam, aber fein. Nachzulesen unter anderem in den Sprüchen Salomos (Kapitel 10, Vers 7): „Das Andenken des Gerechten bleibt im Segen; aber der Name der Gottlosen wird verwesen.”