„Fürs Arbeiten bestraft”
(ZDF-Teletext zu Frontal 21 23. Januar 2007)
„Darum, weil ihr die Armen unterdrückt und nehmt von ihnen hohe Abgaben an Korn, so sollt ihr in den Häusern nicht wohnen, die ihr von Quadersteinen gebaut habt, und den Wein nicht trinken, den ihr in den feinen Weinbergen gepflanzt habt. Denn ich kenne eure Freveltaten, die so viel sind, und eure Sünden, die so groß sind, wie ihr die Gerechten bedrängt und Bestechungsgeld nehmt und die Armen im Tor unterdrückt. Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen; denn es ist eine böse Zeit.”
(Der Prophet Amos „Gegen die Unterdrücker”, Kapitel 5, Verse 11 bis 13)
Die Landplacker des Spätmittelalters, auch Raubritter genannt, waren christliche Pfadfinder, gemessen an den Polit-Wegelagerern dieser Tage. Die Angehörigen des sogenannten ritterlichen Standes, die sich durch Straßenraub, Fehden und Plünderungszüge bereicherten, griffen immerhin jeden des Wegs Kommenden ab. Einerlei welchen Standes. Am liebsten jedoch solche, die gut betucht waren. Historiker meinen, dass sie taten, was sie taten, sei eine „Folge der Verdrängung der Naturalwirtschaft durch die Geldwirtschaft” gewesen. Diejenigen, die heute die öffentliche Hand aufhalten, sind dagegen gut versorgt. Dafür haben sie gesorgt. Und – sie greifen fast nur solche ab, die sich nicht wehren können, und die eh so gut wie nichts haben.
Die Politprofessionellen des 21. Jahrhunderts und ihre Helfershelfer, gesinnungsfreie Bürokratenknechte, meiden das Risiko, sich an Reichen zu vergreifen – das könnte schmerzhaft, möglicherweise sogar tödlich für sie ausgehen. Sie sagen sich: Kleinvieh macht auch Mist. Und – die Masse macht’s. Das beweist neben vielen anderen Beispielen ein Beitrag, der am 23. Januar 2007 im ZDF-Magazin „Frontal 21” übers Sofakino flimmerte. In dem Film war ein Frührentner zu sehen, dessen monatliche Bezüge ihn nicht sterben, sprich verhungern lassen. Zum Leben reichen sie indessen ebenso wenig. Also beschloss er: Ich verdinge mich trotz Ruhestandes ein bisschen, um die Haushaltskasse soweit aufzufüllen, dass meine Ehefrau und ich ein menschenwürdiges Dasein führen können.
Da hatte der Mensch, der es vermeiden wollte, der „öffentlichen Hand” in Form einer Sozialbehörde zur Last zu fallen, aber die Rechnung ohne die Pfennigfuchser in warmen Politbüros und Beamtensilos gemacht. Er habe zehn Monate lang monatlich 15 Euro mehr eingenommen, als er nach irgendeinem tückisch ersonnenen Gesetz hätte verdienen dürfen, wurde ihm vorgehalten. Deshalb müsse er nicht nur das „zuviel” eingestrichene Geld – also 150 Euro – abliefern, nein knapp 1900 Euro habe er zu berappen. Dass die zuständige Behörde – die heißt so, weil Normalmenschen „Zustände” kriegen, wenn sie mit ihr in Kontakt kommen – , dass also das zuständige Amt den Betrag einfordert, findet ein seelenloser Amtsschimmel in Menschengestalt völlig in Ordnung. „Wir sind nicht dazu da, Gesetze auszulegen. Wir sind dazu da, nach dem Gesetz zu handeln.” Jawoll, Unteroffizier verstanden: Menschen sind für Regeln da. Nicht etwa Regeln für Menschen.
Der Frührentner habe schließlich, verlautbart der Apparatschik, ein Merkpapier erhalten, mit dem ihm erklärt worden sei, was er dürfe und was nicht. 32 Seiten lang! Mit einem Text, der selbst Experten unsicher macht, weil die dort angeführte Regelung immer wieder geändert worden ist. Und, der in eine warme, nicht aus eigenem Geld gewirkte Pensionsjacke gehüllte „Staatsdiener” setzt noch einen drauf: „Bösgläubigkeit!” unterstellt er dem Mann, der in zehn Monaten 150 Euro mehr verdient hat, als er dürfte.
„[…] der eigentliche Beschwerdepunkt des Arbeiters ist die Unsicherheit seiner Existenz; er ist nicht sicher, dass er immer Arbeit haben wird, er ist nicht sicher, dass er immer gesund ist, und er sieht voraus, dass er einmal alt und arbeitsunfähig sein wird. Verfällt er aber der Armut auch nur durch längere Krankheit, so ist er darin nach seinen eigenen Kräften vollständig hilflos, und die Gesellschaft erkennt ihm gegenüber bisher eine eigentliche Verpflichtung außer der ordinären Armenpflege nicht an, auch wenn er noch so treu und fleißig die Zeit vorher gearbeitet hat. Die ordinäre Armenpflege lässt aber viel zu wünschen übrig […].” Das ist kein Text von heute. Das erklärte der Sozialistenfresser und damalige Reichskanzler Otto von Bismarck am 20. März 1884 vor dem Deutschen Reichstag. Ein Vortrag, dessen Text sich Clerikalunierte und Dezimalsokraten hinter den Spiegel stecken sollten.
Es wird den Frührenner und seine Mitgefangenen nicht trösten, dass diese Art, Gemeinwesen am Laufen zu halten, Tradition hat. So erklärt Jesus seinen Jüngern im zwölften Kapitel des Markus-Evangeliums: „Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle etwas von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.” Es käme allerdings einer Revolution gleich, bewegte die Lektüre solcher Passagen der Bibel den einen oder anderen „Volksvertreter” oder Regierenden zur Umkehr.