25. Januar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Berlin will mehr Schutz für Prostituierte”

(ZDFheute.de 25. Januar 2007 6.05 Uhr)

„Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm.”

(Evangelium des Matthäus, Kapitel 21, Verse 31 und 32; übersetzt nach Martin Luther)

Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Geht’s nach der Mutter von sieben Kindern und derzeitigen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen (CDU), dann müsste sich die Wiedergeburt des italienischen Dominikaners und Bußpredigers Girolamo „Hieronymus” Savonarola (1452-1498) schon bald eine warme Jacke anziehen. Der Frankfurter Advokat Michel Friedmann, der sich auch Moderator und Journalist nennt, wobei seine im Fernsehen geführten Interviews und Gespräche die Qualität von „peinlichen” (Schmerz bereitenden) Verhören haben, landete, ließe er sich demnach künftig noch einmal erwischen, im Knast.

Denn: Die christdemoskopische Mutter Ursula will Prostituierte erstens im Allgemeinen vor dem Gesetz gleichstellen und zweitens im Besonderen, Frauen, die ins Gewerbe gezwungen worden sind, nicht nur vor ihren gewalttätigen Peinigern, den Zuhältern, sondern auch vor den „Freiern” schützen. Zumindest jenen, die genau wissen, dass sich die Frauen nicht freiwillig mit ihnen eingelassen haben.

Donnerwetter, das ist das, was idiotischer Weise immer noch „Mannesmut vor Fürstenthronen” genannt wird. (Als ob nicht seit altersher Frauen – oft genug bei Gefahr für Leib und Leben – die von Kerls in den Dreck gefahrenen Karren aus dem Schlamassel gezogen hätten. Doch das nur nebenbei.) Also: Die Dame im Ministeramt darf sich auf einige Scharmützel mit den heuchlerischen Moralaposteln ihrer Partei, in Sonderheit allerdings mit denen aus der sogenannten Schwesterpartei des Bergvolkes im Süden der Republik, gefasst machen.

Gemeint sind die Bewohner des deutschen Bundeslandes, in dem nach Aussagen von Ohrenzeugen kürzlich die Direktorin einer Klosterschule fassungslos bei einer Schülerin, die sie zuvor nach ihrem Berufswunsch gefragt hatte, nachhakte: „Waaas willst du werden?” auf deren wiederholte Antwort: „Prostituierte” erleichtert sagte: „Achso. Ich hatte verstanden: Protestantin!” Die dort beheimateten Hüter einer nach Gutdünken gehandhabten Moral haben schon manchen Egon-Geis-Bock zum Gärtner gemacht. Sie sind bei der Wahl der von ihnen eingesetzten Mittel noch nie zimperlich gewesen. Was Wunder, in einer Region, in der ehefrei gebärende Frauen noch immer scheel angesehen werden, während männliche Dorfgemeinschaften in Kleinbussen in die Puffs der Hauptstadt reisen.

Das von „Rotgrün” gemachte Prostitutionsgesetz aus dem Jahre 2002 – „ein Meilenstein im Kampf gegen die auf dem Rücken der Prostituierten ausgetragene Doppelmoral in Deutschland”, wie die Urheber meinen – habe, dadurch, dass die Prostitution darin nicht mehr als sittenwidrig bezeichnet werde, den Zerfall der Moral bewirkt. Das erleichtere Zuhältern und anderen Kriminellen das Geschäft. Stellen sie ohne den Hauch eines Beweises einfach „mal so” in den Raum. Auch habe die „Entkriminalisierung” der Frauen die Kriminalität nicht nur nicht verringert, sie habe, im Gegenteil, dazu beigetragen, die Verbrechensquote zu steigern. Das ist frei erfunden, wie sogar kompetente bayerische Polizeibeamte hinter vorgehaltener Hand bestätigen. Geringer geworden ist die Zahl indessen, entgegen den Erwartungen der Verfasser des Gesetzes, ebenfalls nicht.

Alle guten Argumente für ein liberalisiertes Prostitutionsgesetz prallen vor allem an Vertretern der Clerikalsozialisten ab. Getreu dem Satz des einstigen, inzwischen längst verblichenen CSU-Bundestagsabgeordneten, des Gast- und Viehwirtes Franz Xaver Unertl: „Herr Kollege, ich kenne Ihre Argumente nicht. Aber ich missbillige sie.” Die „Förderung der Prostitution” soll wieder strafbar werden. Dieser Forderung erteilte von der Leyen eine Absage: „Auch die Fachleute aus der Praxis wollen keine Rückkehr zur alten Rechtslage”, erklärte sie bündig.

Trotzdem soll es Änderungen im Strafrecht geben: Wie im Koalitionsvertrag vereinbart, sollen „Freier” von Zwangsprostituierten demnächst bestraft werden. Und das Mindestalter derer, die dem Gewerbe freiwillig nachgehen, wird angehoben: „Prostitution mit unter Achtzehnjährigen ist in Kürze strafbar”, lässt die Ministerin wissen.

„Ministerin von der Leyen hat sich offenbar gegen die Hardliner der CSU durchgesetzt”, diktierte Irmingard Schewe-Gerigk, parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen im Deutschen Bundestag, einer Journalistin der „taz” in den Schreibblock. Das ist so nicht ganz falsch. Wirklich richtig aber wäre es gewesen, hätte die Grüne statt von Hardlinern, von hartlinierten Heuchlern gesprochen.

Die werden sich erst ändern, wenn sie sich zu dem bereit finden, was Petrus in seinem ersten Brief an „das neue Gottesvolk” forderte: „ So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.”


Einen Kommentar schreiben