„Zehntausendfaches Nein zum Irak-Krieg”
(tagesschau.de 28. Januar 2007, 14.48 Uhr)
„Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, so dass sie tun, was nicht recht ist, voll von aller Ungerechtigkeit, Schlechtigkeit, Habgier, Bosheit, voll Neid, Mord, Hader, List, Niedertracht; Zuträger, Verleumder, Gottesverächter, Frevler, hochmütig, prahlerisch, erfinderisch im Bösen, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulos, lieblos, unbarmherzig. Sie wissen, dass, die solches tun, nach Gottes Recht den Tod verdienen; aber sie tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun.”
(Der Brief des Apostels Paulus an die christliche Gemeinde in Rom, Kapitel 1, Verse 28 bis 32; übersetzt nach Martin Luther)
Von irgendeinem Zeitpunkt an war der römische Kaiser Gaius Julius Caesar Augustus Germanicus (12-41 nach Christus), Caligula genannt, davon überzeugt, er habe sich, während einer Erkrankung, zum Mensch gewordenen römischen Götterchef Jupiter verwandelt. Und also sei ihm alles erlaubt. Von da an war er unberechenbar. Das lateinische Caligula heißt, ganz und gar nicht nebenbei bemerkt, soviel wie Soldatenstiefelchen. Es leitet sich von den genagelten Soldatenstiefeln der Legionäre ab, den caligae, die die Rheinlegionen für ihn, den mitreisenden Sohn ihres Oberbefehlshabers Germanicus, hatten anfertigen lassen. Soldaten waren es, die ihm deswegen seinen Spitznamen verpassten.
In der Geschichte der Menschheit ist kaum etwas einzigartig. Und so hat sich auch dieser Vorgang wiederholt. Der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika (USA), George Walker Bush (*1946), ist ebenfalls Sohn eines Oberbefehlshabers – sein Vater George H. W. Bush war der 41. Präsident der USA. George Walker B. bildet sich, seit er sich von den Problemen, die ihm der Alkoholverzehr bescherte, erholt hat, zwar nicht ein, Gott zu sein, aber ein „wiederergeborener Christ” sei er schon. Meint er. Und wie sehr viele trockene Trunkenbolde und alle Fundamentalisten wähnt er sich seither im Besitz des Steins der Weisen.
Caligula brach das Recht nach Laune und ließ politische Gegner gnadenlos eliminieren. Eine bei Staatsakten gängige Schwurformel lautete auf seinen Befehl „auf das Wohlergehen und das Vermögen von Incitatus”, das war sein Pferd. Fürs Jahr 42 plante er, dem Gaul die Konsulwürde zu verleihen und ihm einen ständigen Sitz im Senat zu übertragen. Nach einer Missernte ließ er die Kornspeicher Roms mit dem Satz sperren: „Ich erkläre dem Volk den Hunger.” Er nahm, ohne sich mit jemandem abzustimmen, einen Feldzug in Germanien in Angriff. Der endete mit der Hinrichtung verdächtiger Verschwörer und der Verbannung seiner Schwestern Julia Agrippina und Julia Livilla. Im Jahr 38 ließ er seinen Förderer Macro hinrichten und sein eigenes Bildnis in Synagogen aufstellen, was schwere Unruhen, unter anderem in Alexandrien, nach sich zog. Seine Macken und Meisen sowie sein übriges Verhalten außerhalb jeder Wirklichkeit führten am Ende dazu, dass sich Senatoren und Prätorianer, seine Schildwache, gegen ihn verschworen. Was für ihn einen tödlichen Ausgang nahm.
Dschordschdabbelju, ein Fan der Todesstrafe, handhabt Gesetze gleichfalls nach Gutdünken. Den Armen in den Vereinigten Staaten hat er zwar nicht den Hunger erklärt, er hat sie einfach hungern lassen. Unter anderem nach Gerechtigkeit. Einwände von Bündnispartnern, die ihm nicht ins Gedeck passen, schlägt er in den Wind. Die Vereinten Nationen sind ihm eine Quasselbude, es sei denn sie parieren. Er und seine Handlanger befinden darüber, ob ein anderer Staat Rechte hat oder nicht. Guantanamo ist die Parole, die dafür sorgt, dass sich die Türen eines sadistisch mittelalterlichen Knastes hermetisch hinter denen schließen, die er und seine Prätorianer von der Central Intelligence Agency (CIA), ohne die Spur rechtsstaatlicher Kontrollen, zu Feinden des amerikanischen Volkes und des Weltfriedens erklären.
„Bush erteilt Lizenz zum Töten iranischer Spione” titelte am 26. Januar 2007 Spiegel Online einen Artikel und fährt fort: „Tot oder lebendig: Präsident Bush hat die US-Streitkräfte angewiesen, iranische Agenten im Irak zu töten oder gefangen zu nehmen.” Wer Spitzel, Spion, Agent einer feindlichen Macht ist, dass bestimmt der Mann, der im Juli 1998 auf die Frage nach der Schwierigkeit, Texas zu regieren, dem „Governing Magazine” antwortete: „Man bekommt nicht alles, was man möchte. Eine Diktatur wäre viel einfacher, solange ich der Diktator bin.”
Als sich am Wochenende vom 27. und 28. Januar 2007 in Washington Zehntausende zum Protest gegen den Angriffskrieg im Irak versammelten, ließ der Präsident mitteilen, das sei ein hohes Gut und ein gutes Recht, „das Recht auf Meinungsfreiheit”. Im Übrigen, entscheide er, was Sache sei und was nicht. Die USA haben im Irak 130000 ihrer Soldaten stationiert. Seit Beginn des Einmarsches im Frühjahr 2003 sind dort mehr als 3000 US-Soldaten verreckt. Jetzt will der begnadete Intellektuelle, der von sich sagt: „Ich bin ein Kriegspräsident, ich treffe hier im Oval Office außenpolitische Entscheidungen mit Krieg im Sinn” weitere 21500 junge Leute im Irak als Kanonenfutter einsetzen.
Zu solch größenwahnsinnigen Frömmlern und Gewalttätern ist dem Psalmisten, lange bevor die beiden „Soldatenstiefelchen” ihre Macht missbrauchten, der 94. Psalm eingefallen: „HERR, du Gott der Vergeltung, du Gott der Vergeltung, erscheine! Erhebe dich, du Richter der Welt; vergilt den Hoffärtigen, was sie verdienen! HERR, wie lange sollen die Gottlosen, wie lange sollen die Gottlosen prahlen? Es reden so trotzig daher, es rühmen sich alle Übeltäter. HERR, sie zerschlagen dein Volk und plagen dein Erbe. Witwen und Fremdlinge bringen sie um und töten die Waisen und sagen: Der HERR sieht’s nicht, und der Gott Jakobs beachtet’s nicht. Merkt doch auf, ihr Narren im Volk! Und ihr Toren, wann wollt ihr klug werden? Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen? Der die Völker in Zucht hält, sollte der nicht Rechenschaft fordern - er, der die Menschen Erkenntnis lehrt? Aber der HERR kennt die Gedanken der Menschen: sie sind nur ein Hauch!”