„Inflation frisst Lohnerhöhungen auf”
(Süddeutsche Zeitung 30. Januar 2007)
„Du nimmst Zinsen und Aufschlag und suchst unrechten Gewinn an deinem Nächsten mit Gewalt – und mich vergisst du! spricht Gott der HERR. Siehe, ich schlage meine Hände zusammen über den unrechten Gewinn, den du gemacht hast, und über das Blut, das in deiner Mitte vergossen ist. Meinst du aber, dein Herz kann standhalten oder deine Hände werden festbleiben zu der Zeit, wenn ich an dir handle? Ich, der HERR, habe es geredet und will's auch tun und will dich zerstreuen unter die Heiden und dich verstoßen in die Länder und will mit deiner Unreinheit ein Ende machen; und du wirst bei den Heiden als verflucht gelten. Dann wirst du erfahren, dass ich der HERR bin.”
(Der Prophet Hesekiel, Kapitel 22, Verse 12 bis 16)
Das heißt, den Leuten Sand in die Augen zu streuen: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.” Kein Wort verlor das Staatsunternehmen Deutsche Bundesbahn Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts über die Unbilden des Klimas. Ihre Züge kamen, ohne, dass es auch nur angekündigt worden wäre, einfach zu spät. Tun’s noch heute.
Unangenehm. Richtig mies aber ist es, wenn „Unternehmer” nichts mit vorausschauendem Blick in die Zukunft „unternehmen”. Und schon gar nichts tun, das nur einen Hauch von „Fürsorge” für die in sich trüge, die ihnen den Mehrwert erarbeiten. „Unternehmer” von heute – Shareholder, Wertpapierbesitzer oder Erben genannt – legen die Hände in den Schoß. Allerdings mit den geöffneten Handflächen nach oben, damit sie den Geldregen, auf den sie hoffen, auffangen können. Und dabei lamentieren sie auch noch unentwegt larmoyant nach der Methode „Haltet den Dieb!” über die Raffsucht der deutschen „Arbeitnehmer”.
Noch schlimmer sind die Handlanger der Papierinhaber, Manager. Sie sind die Nachfolger der Schlagleute auf den Galeeren des 16. Jahrhunderts. Damals – wie heute – hauen solche verantwortungslosen „Verantwortungsträger” ständig einzig und allein auf die Pauke. Das klingt heute so: „Die Löhne und Gehälter in Deutschland sind viel zu hoch!” – „Die deutschen Arbeiter und Angestellten werden ausschließlich von ihrem Besitzstandsdenken angetrieben.” – „Kuckt mal in den Osten, dort herrschen noch angemessene Zustände.” – „Wenn ihr, Politiker, Gewerkschafter oder Lohn- und Gehaltsabhängige nicht nach unserer Pfeife tanzt, dann verlagern wir die Produktionsstätten in Länder, in denen die Leute mit ‘ner Handvoll Reis als Monatslohn zufrieden sind.”
Die Noten für die Begleitmusik dieser Paukenschläge des um den Globus vagabundierenden Großkapitals schreibt die Wirtschaftsjournaille. Lohndiener, Leute, die meinen, sie seien unlösbar an ihre überbezahlten Arbeitsplätze geschweißt. Wenn sie dann, wegen der Unfähigkeit der Manager, doch die Arbeitslosigkeit erwischt, dann setzt das große Heulen und Zähneklappen ein.
So wenig, wie die Bahn damals vom Wetter redete, so wenig erwähnen diese schwankenden Gestalten – die keine Ahnung von der höheren Mathematik der Gerechtigkeit haben, stattdessen aber das Kleine Einmaleins des Drückens der sechsten Stelle hinterm Komma einer Lohn- oder Gehaltsforderung und des Pushens bei den Preisen, der von ihnen verditschten Produkte perfekt beherrschen – so wenig also, wie seinerzeit für die Bahn ihre Unpünktlichkeit ein Thema war, so wenig erwähnen diese Figuren, die himmelhohen Mieten in Deutschland.
Kein Wort verlieren Bosse, Politbürokraten und Bilanzberichterstatter über die außerirdisch hohen Beitragssätze für Alters-, Kranken- und sonstige Versicherungen. Sie verzichten darauf, zu erzählen, dass deutsche Arbeitnehmer und Rentner von den Krankenkassen gnadenlos zur Kasse gezwungen werden, wenn sie Medikamente, Zahnersatz oder Brillen brauchen oder wenn sie ins Spital eingeliefert werden. Sie halten’s Maul, wenn es um die Preise für Lebensmittel geht. Oder für den Öffentlichen Personennahverkehr. Keine Rede von den Gebühren, die sie für jeden stinkenden Luftzug, den sie erzeugen, von ihren Kunden beziehungsweise in Ämtern von den Bürgern verlangen. Ganz zu schweigen von den Steuergeldern, die Politschranzen zu ihrem höheren Ruhm und zum Aufbau von Denkmälern zu ihrem Andenken verprassen.
Die Tatsache, dass ein unveränderter Betrag Geldes von Tag zu Tag an Wert verliert, nennen Experten „Inflation”. Übersetzt heißt das soviel wie „Sichaufblasen”. Diese Form der zurzeit grassierenden Geldentwertung ist für die „raffgierigen” Geringverdiener in der Bundesrepublik Deutschland eine Katastrophe.
Aber: „Ich trete ein für so wenig Mindestlohn wie möglich!” quarkte der zombiöse, angeblich „auf christliche Werte” bauende Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Günther Oettinger (CDU), am 29. Januar 2007 in die Mikrophone der Fernsehreporter, die ihn zum Thema „Mindestlohn” befragten. Tatsächlich will der Jurist mit „volkswirtschaftlichem” Hintergrund, wie die meisten seiner Parteispezln und die blaugelben „Besserverdienenden”, überhaupt keinen Mindestlohn.
Für Betriebswirte, bestens versorgte Berufspolitiker und liebedienernde „Journalisten” ist es offenbar „in Ordnung”, dass es in Deutschland Menschen gibt, die sich für drei Euro brutto die Stunde kaputt schuften. Geiz ist eben, wie’s scheint, tatsächlich geil. Davon, dass er eine Sünde ist, davon kann der angeblich praktizierende evangelische Christ Oettinger noch nichts gehört haben. Der brabbelt, Mindestlöhne gefährdeten Arbeitsplätze. Darüber, dass Menschen, die sich geschämt haben, Sozialhilfe entgegenzunehmen wegen der gezahlten Hungerlöhne verhungert, erfroren oder an nicht behandelten Krankheiten gestorben sind, darüber hat dieser christliche Abendländler erkennbar noch nie nachgedacht.
Es schadete denen, die sich von Managern anstellen lassen, die Politiker wählen und die die Schreibereien von Journalisten lesen, nicht, wenn sie sich von Zeit zu Zeit eine Anmerkung des Evangelisten Matthäus (Kapitel 7, Verse 15 und 16) in den Sinn riefen: „Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man denn Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?”
Am 6. February 2007 um 19:59 Uhr
Ein Mindestlohn und Rente mit 67. Oder vielleicht bald: keine Mindestrente und Lohn erst mit 67 - vorher nur unbezahlte Praktika. Und wegen solcher Lappalien erdreisten die Gewerkschaften sich, einen “politischen” Streik anzuzetteln. Ja, sapristi. Da heult sie aber auf, die vereinte Bagage der Blutsauger, der Leithundt der Unternehmer und seine bezahlte Politikaster-Combo, seine Schwanzlutscher und Sockenhalter, die ihren Palast in putzigem Zynismus “Dem Deutschen Volke” gewidmet haben und stillvergnügt nach dem Motto leben: Wes Lied ich sing’, des Hand ich beiß’.
Aber “ruhig, nur ruhig. Das stört doch keinen großen Geist” (A. Lindgren. Karlsson vom Dach). Die Bourgeoisie muss da durch und wir leider mit. Die Höllenbrut wird sich schließlich selbst überwinden und wir werden sie wie eine ausgelutschte Weißwursthaut auf den Müll werfen, nachdem wir uns die feinen Innereien einverleibt haben.
Dass Du dazu hier Deinen Teil beiträgst, lieber Meister Hanjo, wird Dir vielleicht noch keinen Platz neben Gramsci, aber doch unsere Achtung einbringen.
Karlheinz Meyer
(Kurnaz! Warum schweigt Zolas kleiner Bruder zu diesem unerhörten Verstoß einer deutschen Regierung gegen die Menschenrechte und vergeudet sich in Geschäume gegen Günni Jauch, diesem … Wurde eigentlich schon ein komplementärer Begriff zu “Prekariat” geprägt?)