31. January 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Kritiker: Kernschmelze gerade noch verhindert”

(tagesspiegel.de, Zwischentitel, 30. Januar 2007, 14:37 Uhr)

„ ... und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und fiel auf die Erde; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte. Und der zweite Engel blies seine Posaune; und es stürzte etwas wie ein großer Berg mit Feuer brennend ins Meer, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet. Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen. Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser wurde zu Wermut, und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie bitter geworden waren.”

(Die Offenbarung des Johannes, Kapitel 8, Verse 7 bis 12)

Sie tun so, als säßen sie auf der Insel der Seligen; weitab vom Weltgeschehen. Als hätten sie keine Kinder und Enkel. Und als sagten sie sich: „Nach mir die Sintflut!“ Sie wissen nichts und doch alles besser. Im Allgemeinen, vor allen Dingen aber im Besonderen.

Die Besitzer von „Wertpapieren” – das Wort muss ein Mensch sich auf der Zunge zergehen lassen, dann spürt er, dass es sich nicht um ethische Werte handeln kann – also, die Eigentümer von Anteilscheinen an Energiekonzernen und deren hoch bezahlte, leitende Angestellte, treten auf, als glaubten sie den von ihnen bezahlten Gutachtern, wenn die behaupten, westeuropäische und US-amerikanische Atomkraftwerke seien „bombensicher”. Sie, die gekauften Experten, hätten, gemeinsam mit denen, die an diesen Hochöfen menschlichen Größenwahns arbeiten, „alles im Griff”. Tschernobyl bei uns? Ausgeschlossen!

Dabei haben sie einzig und allein die Strompreise „im Griff”. Es geht ihnen am unteren Teil ihres Rückens vorbei, wenn Politclowns zetern und Reden darüber halten, wie sie die Kartelle in die Preisknie zwingen werden. Büttenreden, bei denen sich die anonymen Aktieninhaber vor Lachen ausschütten. Sie haben allerdings noch nicht einmal die eigenen Stromleitungen „im Griff”. „Die Schuld an dem europaweiten Stromausfall im November (2006, hjs) trifft nach Auffassung der EU-Kommission vor allem den deutschen Stromkonzern Eon. Bei dessen Tochterfirma Eon Netz hätten gravierende Sicherheitsmängel bestanden, …” lässt die „Süddeutsche Zeitung” heute wissen. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Doch: Auf derselben Seite derselben Zeitung heißt es: „Pannenserie in Forsmark – Schwedischer Reaktor laut Bericht schlampig geführt”. Es folgt eine verhältnismäßig kurze Meldung darüber, dass der „Unfall im Atomreaktor Forsmark im vergangenen Sommer … offenbar nur der Höhepunkt einer ganzen Pannenserie” gewesen sei. Die Online-Ausgabe des Berliner „Tagesspiegel” wird sehr viel deutlicher. Schon im Vorspann eines langen Artikels heißt es: „Ein interner Bericht zum Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark bringt Betreiber Vattenfall immer mehr in Bedrängnis. Darin beklagen Mitarbeiter einen ‘Verfall der Sicherheitskultur’, Beschäftigte seien betrunken am Arbeitsplatz erschienen.”

Er könne verstehen, „dass die Leute nach so einem Bericht Angst bekommen”, erklärte Göran Lundgren, Vattenfalls Chef für die schwedische Stromproduktion. Der vom Fernsehsender SVT verbreitete interne Bericht sei jedoch nur einer von mehreren gewesen. Der Konzern habe mittlerweile ein Drittel eines „60-Punkte-Programms” für mehr Sicherheit in Forsmark umgesetzt. Seltsam: Bis dahin hatte Vattenfall Vorwürfe wegen mangelnder Sicherheit weit von sich gewiesen. Jetzt musste der Boss eingestehen, es seien „nicht immer alle Sicherheitsfragen so behandelt worden, wie es sein sollte”.

Dazu der „Tagesspiegel”: „Dass im Sommer zwei Notstromaggregate nicht wie vorgesehen ansprangen und für die Nachkühlung des Reaktors sorgten, hielten einzelne Kritiker für so ernst, dass sie von der akuten Gefahr einer gerade noch verhinderten Kernschmelze wie 1986 in Tschernobyl sprachen. Diese vom … Forsmark-Konstrukteur Lars-Olöv Höglund verbreitete Auffassung taten Vattenfall und die staatliche schwedische Strahlenaufsicht SKI übereinstimmend als völlig unmöglichen Unfug ab. In einem geplanten SVT-Dokumentarfilm aber erklärte SKI-Chef Kjell Olsson vor der Kamera einer filmenden Schülergruppe nach Schluss des offiziellen Interviews: ‘Es hätte eine Kernschmelze geben können. Sicher. Rein technisch gesehen hat er Recht.’”

Noch Fragen? Ja. Laut Spiegel Online vom 23. Januar 2007 begleitet „die Debatte über die Zukunft der Kernenergie … die Große Koalition seit Anbeginn”. SPD und CDU hätten sich zwar darauf geeinigt, am unter Rot-Grün vereinbarten Atomkonsens nicht zu rütteln. Einige unierte Nennchristen haben jedoch angeregt, die Laufzeiten zu verlängern. Und deren Chefin, die Physikerin Angela Merkel hat kürzlich wieder einmal versichert, „zumindest für diese Legislaturperiode werde die große Koalition am Atomausstieg festhalten”. Bekannt sei allerdings, dass sie und ihre Partei eine andere Meinung hätten.

Der Hasardeur und hessische Ministerpräsident Roland Koch zieht sogar den Neubau weiterer babylonischer Türme, in Form von Atomkraftwerken, in Betracht: „Spätestens Anfang des nächsten Jahrzehnts, nach einer Diskussion von zwei oder drei Jahren, müssen wir dann entscheiden, ob wir auch in eine neue Generation von topmodernen Kraftwerken auf deutschem Boden investieren oder ob wir zulassen, dass die deutschen Stromkonzerne das nur im Ausland tun”, war im „Stern” zu lesen.

Wie heißt es doch gleich bei Hiob im dreizehnten Kapitel: „Was ihr zu bedenken gebt, sind Sprüche aus Asche; eure Bollwerke werden zu Lehmhaufen. Schweigt still …”


2 Reaktionen zu “„Kritiker: Kernschmelze gerade noch verhindert””

  1. Charles Sassen

    Große Klasse, mein lieber Kamerad Hanjovic! Der Roland, der wird sich nicht irritieren lassen von soviel Wahrheit. Wer mit der Lüge lebt, kriegt erst dann Angst, wenn die Erde unter seinem Sterbebett bebt. Aber andere wachen hoffentlich auf und geben Acht. Zuhauf!

  2. Raaf Andreas

    Mit Pierer und Merkel auf zu neuen strahlenden Wachstumshorizonten.

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