1. Februar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Die Stille vor dem Schmiss”

(Tageszeitung, taz, 1. Februar 2007)

„Auf einen Treulosen hoffen zur Zeit der Not, das ist wie ein fauler Zahn und gleitender Fuß. Wer einem missmutigen Herzen Lieder singt, das ist, wie wenn einer das Kleid ablegt an einem kalten Tag, und wie Essig auf Lauge.”

(Die Sprüche Salomos, Kapitel 25, Verse 19 und 20)

Wer dem FC Bayern traut, hat auf nassen Sand gebaut. Das liegt auf der Hand. Denn nur Träumer können meinen, Figuren mit dem präpotenten Gehabe von Ochsenfröschen, wie es die an den Tag legen, die dem Münchner Jahrmarktsunternehmen vorstehen, hätten davon gehört, dass die Würde eines Menschen nicht angetastet werden darf. Das wissen die so wenig, wie sie auch nur ahnen, was Treue ist. Oder Fairness. Oder was mit dem Wort „Sport” im Vulgärlateinischen, im Altfranzösischen und im Englischen ursprünglich gemeint war: „Zerstreuung, Vergnügen, Spaß, Zeitvertreib.”

Sie sind von der gleichen charakterlichen, schöpferischen und denkerischen Beschaffenheit wie die blutarmen Programm-Verwalter im öffentlich-knechtischen und im Profit-Fernsehen. Sie heben und senken ihre Daumen und bestimmen so über das Schicksal anderer Menschen, als seien sie römische Cäsaren. Und – es ist ihnen anzusehen, sie halten sich für solche.

Das, was dem Trainer des Balltreter-Vereins FC Bayern München, Felix Magath, gestern widerfahren ist, ist zuvor einer Vielzahl seiner Kollegen und noch mehr „Spielern” geschehen: Heute noch auf hohen Rossen, morgen durch die Brust geschossen. Sein Nachfolger, Otmar Hitzfeld, war sein Vorgänger (von 1998 bis 2004). Hitzfelds Wiedereintritt in „den FC” ist ein schöner Beleg dafür, dass die Hoffnung oft über die Vernunft siegt.

Der Mann müsste sich an seinen Abgang erinnern. Der ging vor knapp drei Jahren wie der von Magath über die Bühne: Treueschwüre bis zur letzten Sekunde und dann – hastenichtgesehen – abgeknipst. Mit Schmähungen als Nachruf. Dass er auf die Anfrage des mit Star-Allüren befeuerten Vorstandes der Aktiengesellschaft für Leibesübungen „spontan zugesagt” habe, „das spricht für ihn”, verlautbarte der Vorstandsvorsitzende der FC Bayern München AG, Karl-Heinz Rummenigge, im Fernsehen. Mag sein. Am Abend dieses Tages ist indes eines ganz sicher klar geworden: Der Spieler-Betreuer Hitzfeld (betreuen kommt von Vertrauen und von Treue!) muss sein Gedächtnis verloren haben.

In „guten wie in schlechten Tagen” zueinander zu stehen, ist aus der Mode gekommen. Anders müssten die Schmiermichel und Tratschtrinen der Gossenpresse und des Ähbäh-Fernsehens verhungern. Für die besteht indes kein Anlass zur Sorge: die sogenannte Krone der Schöpfung, der Mensch (haha), liebt es, andere Säugetiere seiner Art in den Staub zu treten. Das gibt ihm das Gefühl, denen die am Boden liegen, überlegen zu sein. Er weiß nicht – auch dann nicht, wenn er sagt, er sei ein Mitglied des christlichen Abendlandes, – dass kein Mensch dadurch Profil erwirbt, dass er anderen Menschen das Gesicht nimmt. Um im Sport und in der Politik Karriere zu machen, ist dieses Nichtwissen allerdings geradezu unabdingbar. Das gestrige „Sport”-Ereignis und die Zirkusnummer, die vor wenigen Tagen über die Rampe des bayerischen Politschmierentheaters ging, sind Beweise für diese These.

Nicht wenige Verbraucherinnen und Verbraucher von Geschichten über kaputte oder kaputt gemachte Artgenossen, nehmen für sich „das gute Recht” in Anspruch, ihre Schadenfreude bis tief hinters Sonnengeflecht auszukosten. Sie rechtfertigen sich vor sich selbst und vor anderen damit, dass sie sagen: Erstens hätten sie sonst nichts, worüber sie sich amüsieren könnten. Und zweitens – und das in erster Linie: „Die kriegen soviel Geld, da müssen die schon ständig Höchstleistung bringen oder leiden wie’s Vieh!” Da freuen sich die Betreiber moderner Pranger. Noch billiger können sie kaum an den Dreck kommen, den sie als Journalismus verkaufen.

Populären Leuten (die immer wieder mit prominenten Menschen verwechselt werden) und amtierenden Politikern auf die Finger und aufs Maul zu schauen, ist das notwendige Eine. Sie seelisch, körperlich und materiell – mit Berichten über oft erfundene, nur selten wirklich stattgehabte Ereignisse – zu zermalmen, das völlig Andere.

Weshalb fordert eigentlich kein Mensch, dass selbst mit Gladiatoren, die ihrem Beruf freiwillig und auf eklige Weise überbezahlt nachgehen, weswegen also verlangt kein Kirchen- oder Kulturmensch, dass mit Menschen, auch wenn sie in ihrem Beruf „versagt haben”, menschlich umgegangen wird? Wieso darf der Pöbel in Redaktionen den Mob auf der Straße zum „Kreuzige” aufrufen, ohne dass sich jemand darüber erhitzt und ihm ins böse Wort fällt?

Nebenbei bemerkt: Die Firmen – die Menschenhandel en gros und en detail betreiben und die sich nach außen immer noch Vereine nennen – und deren Hinterzimmer-Männer „verdienen” sich noch dümmer und noch dämlicher, als die Kämpfer in den Arenen.

Diejenigen im deutschen Fußball, die als nächste dran sind – ihre Namen werden bereits in Gazetten, Radiostationen und TV-Sendern als die von zum Abschuss freigegeben Versagern gehandelt – brauchen Kraft und Zuspruch. Sie müssen widerstehen und dürfen sich das, was auf sie zukommen wird, nicht zu sehr zu Herzen nehmen. Ihnen sei mit dem Apostel Paulus (erster Brief an die christliche Gemeinde in Thessaloniki) zugerufen: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.”


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