„Kardinal geht auf Seehofer los”
(Bild 14. Februar 2007, Titelseite: 23,7 Zentimeter hoch, 27,8 Zentimeter breit)
„Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Seht euch vor vor den Schriftgelehrten, die gern in langen Gewändern gehen und lassen sich auf dem Markt grüßen und sitzen gern obenan in den Synagogen und am Tisch beim Mahl; sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete. Die werden ein um so härteres Urteil empfangen.”
(Das Evangelium nach Markus, Kapitel 12, Verse 38 bis 40)
Ein Veterinärtheologe. Es muss, ums in deutscher Sprache zu sagen, einer schon ein rechter Schweinepriester sein, wenn er’s fertig bringt, einen anderen durch einen ekligen Eingriff in dessen Intimsphäre öffentlich abzukanzeln. Und das in dem Bewusstsein, dass sich sein mit Moralin gesäuertes Gewäsch in den Tagen darauf in sämtlichen deutschsprachigen Zeitungen wieder finden wird.
Unter anderem – natürlich! – in „Bild”. Dem Gossenorgan, das nur Ignoranten eine Zeitung nennen können und das sich durch sein mieses Anschwärzen, seine gezielten Rufmorde und andere unappetitliche Betätigungen einen Ruf wie Donnerhall erworben hat.
Wer meint, er sei berechtigt, das Privatleben eines anderen Menschen breit zu treten, um den auf diese Weise an den Pranger zu stellen, wer so etwas tut, der kann Jesu Satz: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen” noch nie gehört haben. Er steht als fünfundzwanzigster Vers im elften Kapitel des Markus-Evangeliums. Sollte also einem Geistlichen geläufig sein.
Das ist er jedoch offenbar nicht. Jedenfalls hat Joachim Meisner (*1933) – Kardinal und gegen den erklärten Willen der Herde und ihrer Hirten 1988 von Papst Johannes Paul II. durchgedrückter „Oberhirte” des Erzbistums Köln – über das Kölner Groschenblatt „Express” eine Tirade gegen Horst Seehofer abgesondert, die einiges dieser Machart in den Schatten stellt. Was sogar Beobachter angreift, die der Ansicht waren, sie hätten sich an die Tritte gegen die Menschenwürde gewöhnt, die sich manch würdeloser Würdenträger der römischen Kirche zuvor bereits geleistet hat.
Bei Meisner heißt es über Horst Seehofer, der sich ums Amt des Vorsitzenden der bigotten bayerischen CSU bewirbt und von dem bis dahin mehr oder minder laut geflüstert wurde, er unterhalte ein außereheliches Verhältnis: „Wenn wir über Wertevermittlung reden, muss man an das private Leben öffentlicher Personen besondere Ansprüche stellen dürfen. Was soll denn ein mehrfach geschiedener Politiker über eheliche Treue sagen? Da lachen doch alle.”
Oder: Erlebe ein Politiker „permanent ein Desaster nach dem anderen in seiner Familie …, heißt es bei uns: Blendet das Private aus, in der Politik geht es um etwas ganz anderes. Warum? Haben wir es denn bei ihm mit zwei verschiedenen Menschen zu tun? Oder ist er eine gespaltene Persönlichkeit? Dann ist er schizophren und gehört zum Arzt, aber nicht auf einen Ministersessel.”
Der Mann, der, weil sein Arbeitgeber es so vorschreibt, nie Ehemann war oder Vater ist, beschließt seine üble Schimpfkanonade mit den Fragen: „Wie will er denn Vorsitzender einer christlichen Partei werden? Wie weit sind wir eigentlich gekommen?”
Die letzte Frage ist berechtigt. Wie weit sind wir gekommen, wenn sich Leute von Amts wegen Gott und dem Himmel näher wähnen als die herablassend Laien genannten Mitglieder „ihrer” Gemeinde? Wie weit sind wir gekommen, wenn solche Figuren ohne jedes Erbarmen den Stab über andere brechen?
Einmal davon abgesehen, dass sich Meisner wieder einmal im Ton vergriffen hat, mischt er sich damit in unzulässiger Weise – mit Absicht? – in den Wahlkampf einer Partei und so in die Politik ein. Das rechtfertigt noch nicht einmal das von den Nazis beschlossene „Gesetz zu dem Vertrage mit dem Heiligen Stuhle vom 3. August 1929 erweitert durch Reichskonkordat vom 20. Juli 1933”.
Mindestens zwei seiner Kombattanten im Feldzug gegen Seehofer sollten vor der eigenen Türe kehren, bevor sie aus einem Glashaus heraus mit Steinen schmeißen. Der Boss der Gang, die das Blatt für Leseschwache fertigt, ist ein ebenso gebranntes Kind, wie die Chefin der Truppe, die wöchentlich eine bunte Postille mit größenteils erfundenen Geschichten übers Privatleben vermeintlicher oder tatsächlicher Populärfiguren in die Welt setzt. Beide sollten das Feuer scheuen, mit dem sie andere auf ihren Scheiterhaufen verbrennen wollen.
Der erste der Kampfgefährten Meisners brachte am 5. November 2004 gemeinsam mit der katholischen Kirche und den evangelischen Landeskirchen eine „2,5Kilogramm schwere Volksbibel” heraus. Was im Grunde einer Gotteslästerung gleichkommt. In Fachkreisen wird er Gelhaar genannt. Der Mann ist geschieden und wieder verheiratet. Hochzeit ist heute. Hohe Zeit. Höchste Zeit. Hätte es bei seiner zweiten Eheschließung heißen dürfen.
Der zweite Kriegskamerad ist eine Kameradin. Die ist Chefredakteurin des erwähnten Buntblattes und lebt mit einem der Spitzenmanager des Verlages zusammen, in dem das Sudelheft erscheint. Ihr „Lebensgefährte” hat ihr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in ihre heutige Position verholfen.
Wenn die beiden Denunzianten, die sich als Journalisten ausgeben, meinen, es sei von öffentlichem Interesse, was die vor fünfundzwanzig Jahren von Seehofer geschiedene „erste Ehefrau” zu ihrer Ehe von sich zu geben hat, dann ist es für die nach der Intimsphäre anderer geilen Konsumenten ihrer Blätter genauso spannend, zu erfahren, was seine „Ex” beziehungsweise die Ehefrau ihres Partners zu erzählen haben.
Das geht – klar! – niemanden etwas an. Schaden könnte es dem Gewissen dieser Nutznießer der Schadenfreude jedoch nicht, widerführe ihnen auch einmal das, was sie Tag für Tag, Woche für Woche, anderen antun. Wer indessen meint, er sei frei von Schadenfreude, Bosheit und Gewinnstreben, der vertiefe sich wieder einmal in die Bergpredigt. Nachzulesen in Kapitel 5 des Evangeliums nach Matthäus. Dort wird er die Warnung finden: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.”
Und diejenigen unter den Clerikalen Sozialempfängern, die denken, Horst Seehofer sei wegen seines „Ehebruchs” für sie nicht wählbar, seien an die Geschichte der Ehebrecherin im achten Kapitel des Johannes-Evangeliums erinnert. Zu denen, die demnach die Frau für ihr „Vergehen” steinigen wollten, hat Jesus gesagt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.” Das darf sich der gandenlose Überchrist und Schlüssellochgucker Joachim Meisner hinter den Spiegel stecken.
Am 15. Februar 2007 um 21:46 Uhr
Heiligkeit und Scheinheiligkeit waren immer schon frei vermengbar unter der Maßgabe, dass moralische Korruption Tradition hat. Das gilt natürlich in der Kirche noch mehr als im normalen Leben. Ein mittelalterliches, absolutistisches Aufbäumen anachronistischer Wallungen, verfremdet von anderen Ansichten über Beziehungsformen. Er soll doch die Kirche im Dorf lassen…da gehört sie noch immer hin.
Ch. und M.