16. Februar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Deutschland ist nicht kinderfreundlich genug”

(Süddeutsche Zeitung 15. Februar 2007)

„Denn es sollen nicht die Kinder den Eltern Schätze sammeln, sondern die Eltern den Kindern.”

(Der zweite Brief des Apostels Paulus an die Christen in Korinth, Kapitel 12, Vers 14)

Falsch, falsch, falsch. Total falsch: „Deutschland ist nicht kinderfreundlich genug” und „Die Kinderfreundlichkeit in Deutschland lässt zu wünschen übrig.” Blanke Euphemismen! Sie beschönigen die anstößige Wirklichkeit. Dabei will die Verfasserin eines Beitrages, der die Ergebnisse einer vergleichenden Studie des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) vorstellt, offenbar nichts hübschen.

Der UNO-Ableger für Kinder hat den Umgang mit dem Nachwuchs in 21 „Industrieländern” erforscht. Das Resultat ist für die Bundesrepublik Deutschland so ausgefallen, dass nur „Beschämend: Deutschland ist kinderfeindlich!” oder: „Die Deutschen mögen keine Kinder” oder: „Ungeliebte Spielbälle deutscher Politiker – Kinder” die Dinge beim Namen nennt.

Alles, was Politiker sonntags über „Kinder – unsere Zukunft” und angrenzende Themen zusammenschwätzen, wird werktags außer Kraft gesetzt. Da sind irgendwann zum Beispiel aus „Lehrlingen” – was spricht gegen das Wort? – „Auszubildende” geworden, die bald zu „Azubis” – welch eine Vokabel – verkümmerten. An den Inhalten der „Ausbildung”, die zuvor manchem eine „Lehre” war, änderte sich nichts. Absolut nichts! Falls überhaupt „Ausbildungsplätze”, früher „Lehrstellen”, angeboten wurden. Und werden.

Aus „Kindergärten”, in denen die Resultate des Freude spendenden, kostenfreien Reproduktionsprozesses blühen, gedeihen und wetterfest gemacht werden sollten, wurden die nach „Insassen” klingenden „Kindertagesstätten”. Die verknappte ein gnädiges Schicksal kurz darauf zu „Kitas”. Geld, um solche frühen Bildungsstätten für „die Kleinen” einzurichten, ist jedoch, seit Gründung der zweiten Republik auf deutschem Boden, noch nie da gewesen.

Viele hervorragend ausgebildete und angemessen bezahlte Lehrerinnen und Lehrer, die sich in kleinen Klassen, um jedes Kind seinem Können gemäß kümmern können, seien das „Ziel der Politik” salbadern wirklichkeitsferne Politprofis täglich in jedes ihnen hingehaltene Mikrofon.

Und schicken ihre eigenen Kinder, wie die verflossene bayerische Schulministerin Monika Hohlmeier, auf Privatschulen. Wenn möglich auf Internate. Im Ausland. Aus den Augen, aus dem Sinn. Übrigens: „Kümmern” bedeutet, Kummer von anderen fernzuhalten. Das hat sich in Deutschland noch nicht herumgesprochen.

Wie ein Volk und die von ihm in die Verantwortung Gewählten mit Kindern und jungen Leuten umgehen, ist, abweichend von dem, was Jesus Christus gelehrt hat, eben nicht erst an den vorgewiesenen Früchten zu erkennen. Es lässt sich schon vorher an Sprachgewohnheiten ablesen.

Aus Verantwortungslosigkeit erwächst eine aggressionsgeladene Sprachlosigkeit. „Verantwortung” heißt doch nichts anderes, als auf gestellte Fragen plausible Antworten geben zu können. Berufspolitiker und deren Zulieferer beantworten aber beispielsweise die Fragen: „Was tut ihr für uns?” und „Wo bleibt die Chancengleichheit?” nie. Sie tun nur so als ob. Weichen jedoch immer aus. Sie sind verantwortungslos!

Erwachsene, die zulassen, dass Nachwachsende, die versuchen, sich zu emanzipieren – und dabei, wie eh und je, manchmal übers Ziel hinausschießen – durch Miniaturpolitokraten und von Presse-Schmiermicheln niedergemacht werden dürfen, solche Erwachsenen haben auf ihre eigene Zukunft verzichtet. Auf die von Kindern allemal.

Die Erkenntnis: „Kinder sind wie Uhren. Wir dürfen sie nicht nur aufziehen, wir müssen sie auch gehen lassen” des deutschen Schriftstellers und Theologen Jean Paul (1763 – 1825), ist den Deutschen, ob im Amt oder ohne Würden, bis heute verborgen geblieben.

Es kann keinen aufmerksamen Menschen verwundern, dass die Verfasser der Unicef-Studie, Deutschland auf den elften Platz – von 21 Plätzen! – ihrer Rangliste gestellt haben. Wer Kinder, Nachbarn und Vermieter hat, weiß wovon die Rede ist.

Das und die Tatsache, dass es zu viele Leute gibt, die akzeptieren, wenn es heißt: „Kinder darf man sehen. Aber – nicht hören!” oder: „Kinder mit ‘nem Willen, kriegen was auf die Brillen”, genau das führt dazu, dass das Zusammenleben der Generationen verwahrlost.

Nicht zu vergessen, dass es Eltern gibt, die schon lange kein Gespräch mehr mit ihren Kindern geführt haben. Solche und ähnlich gepolte Leute engagieren sich nicht fürs Wohlergehen von Alten und Jungen. Und falls doch, dann endet ihr Einsatz für die künftige Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland meist mit Kleinkriegen für die eigene Brut.

Deshalb geht es vielen Wählerinnen und Wählern am Abschlussrund ihrer rückwärtigen Oberschenkel vorbei, wenn sich schwarze Reaktionäre dem Wunsch ihrer Betschwester, der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen, entgegenstemmen. Die Dame möchte – oh, Wunder! – in Deutschland 500 000 zusätzliche Krippenplätze einrichten. Unter anderem auch wg. Chancengleichheit.

Und –, um die Frauen zu entlasten, die allein erziehen oder, um jenen zu helfen, die hinzuverdienen müssen, um die Familie vor Hunger, vorm Rausschmiss aus der Wohnung und der sogenannten Kinderarmut, die sich immer weiter ausbreitet, zu bewahren.

Da geht aber die schwarze Pestpost ab. „Kindererziehung ist erst mal Familiensache”, dumpfbrütet zum Beispiel in bewährter Manier der Generalsekretär einer bergvölkischen Provinzpartei. Der weiß nicht, was die Menschen in Asien wissen: „Kinder sind nur ein Segen für Erwachsene, wenn die ein Segen für die Kinder sind.”

„Frühkindliche Erziehung und Ganztagsschulen werden bei uns betrachtet als seien sie Teufelswerk. Als würde man die Kinder aus ihrem elterlichen Zusammenhang herausoperieren”, klagt die deutsche Unicef-Vorsitzende Heide Simonis. Wenn’s nur das wäre. Dagegen ließ sich argumentieren.

Tatsächlich fürchten die Mutter- und Heile-Welt-Ideologen, dass den Kindern in den ihnen entsprechenden Einrichtungen, das geschieht, was sie ihren eigenen Kindern täglich zumuten – „Indoktrination”: „Was ich selber denk und tu, trau ich andern Leuten zu.”

Wen kann es bei solchen „Erwachsenen” in Staunen versetzen, zu hören, dass hierzulande ungewöhnlich viele ganz junge Leute, zur Flasche und zur Zigarettenpackung greifen. Kinder sind nun mal zunächst Opfer und erst dann Täter.

Da helfen keine politischen „Maßnahmenpakete”. Da hilft nur, sich so zu verhalten, wie es Jesus Christus, laut dem Apostel Matthäus, gefordert hat: „Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel.”


Eine Reaktion zu “„Deutschland ist nicht kinderfreundlich genug””

  1. Werner Pfändler

    Lieber Hanjo Seißler,
    es fehlt nur noch ein kleines technisches Detail: ARTIKEL WEITERLEITEN.
    Hätt’ich heute getan.
    Danke.
    Herzlich Werner Pfändler

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