„Wulff gegen einheitliche EU–Verpflichtungen”
(3sat Teletext, Tafel 124, 18, Februar 2007, 14.03 Uhr)
„Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer recht haben? Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt? Du sprichst: ‘Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.’ Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf und zeigte dir die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis –, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.”
(Das Buch Hiob, Kapitel 11, Verse 2 bis 6)
Es gibt Wahrheiten, die sind unumstößlich. „Jeder Mensch schafft sich seine eigene Größe. Zwerge bleiben Zwerge, auch wenn sie auf den Alpen sitzen.” Die Erkenntnis des deutschen Dichters August von Kotzebue (1761 – 1819) ist eine solche Wahrheit. Obwohl der sonst, sowohl literarisch als auch politisch, einigen Unfug verzapft hat. Letzteres besonders im Blick auf die Duodezfürsten seiner Zeit. Die waren ihm augenscheinlich lieber als aufbegehrende Studenten und Rechte einfordernde Bürger. Was den Mord an ihm nicht rechtfertigt.
Seitdem die Standesvorrechte des sogenannten Adels in Deutschland durch die Weimarer Republik abgeschafft wurden, gibt’s ihn nur noch als soziale (Rand-)Gruppe. Was sich allerdings in der Journaille bislang nicht herumgesprochen hat. Wer es sich indes antut, das Gehabe und das Geschwätz demokratisch gewählter deutscher „Serenissimi” von heute in Augen und Ohren zu behalten, der kann den Psychiatern, die ihn später behandeln müssen, jedenfalls erklären, was ihm aufs Gemüt geschlagen ist.
Die Duodezfürsten des 21. Jahrhunderts benehmen sich nicht ganz so aufgeblasen wie ihre aus Wegelagerern, Brandschatzern, Totschlägern, Schutzgelderpressern, Giftmischern und Mätressen hervorgegangenen Vorläufer. Sie treten eher auf wie die ehedem bagatelladeligen ostelbischen Junker. Dickbramsig. Selbstgerecht. Nicht gerade überbordend gescheit. Aber gerissen und machtgeil.
In Flächenländern lassen sie sich Ministerpräsidenten nennen. In den Stadtstaaten Bürgermeister. Sie gehen mit dem Grundgesetz um, als sei es nicht fürs Volk, sondern für sie gemacht. Das sei Föderalismus behaupten sie rotzfrech von der von ihnen praktizierten kleinkarierten Kleinstaaterei.
Jeder von ihnen schafft in „seinem” mehr oder minder großen Kleinstaat Zu- und Umstände, die nicht der Bevölkerung dienen, sondern seiner Partei nützen und die darüber hinaus seinem Nachruhm gewidmet sind.
Jüngst haben sie einen weiteren Teil der Macht im Bund mit einer „Föderalismus-Reform” – die Vokabel wird von Politikern oft missbraucht, selten indes so schamlos wie in diesem Fall – an sich gebracht. An der Bildung dürfen sie jetzt derartig herumschnitzen, dass die Späne fliegen. Mit denen ist der winzige Sproß der Chancengleichheit bereits über den Deister gegangen.
In Hamburg haben sie den „Landesbetrieb Krankenhäuser” verditscht, obwohl sich bei einem Volksentscheid fast 77 Prozent der Abstimmenden dagegen ausgesprochen hatten. So wie die Ganoven, die einst die Throne besetzt und das Volk in Schach hielten, haben sie in einem Gnadenakt den dafür zuständigen Institutionen gestattet, erbarmungswürdigen Schwerstabhängigen mit Heroin zu helfen. Sie dödeln von Land zu Land unterschiedlich so ums „Rauchverbot” herum, dass die Absicht – die Tabakindustrie zu pampern – zu erkennen ist und verstimmt.
Nicht anders verhält es sich mit der wegen des verheerenden Klimawandels dringend notwenigen Reduzierung des CO2-Ausstoßes. Deswegen eine „klimafreundliche” Kraftfahrzeug-Steuer? Dazu müssen sie sich zunächst einmal mit ihren Auftraggebern in der Automobil-Industrie beratschlagen. Auf diese Weise wäre die daneben gegangene Gesundheitsreform – auch die ist eine ganz und gar eigenartige Wende zum Besseren – beinahe unter den Tisch gefallen. „Wir haben zwar nix Bessres. Aber wir halten aus Prinzip und aus Daffke dagegen.”
Ihre Vorschwätzer heißen, weil die anderen es sich so denn doch nicht trauen: In Nordrhein-Westfalen: Jürgen Rüttgers, der so tut, als sei er imstande mit einem Sägemesser zum Brotschneiden ein Massaker anzurichten. In Niedersachsen: Christian Wulff, der den Reklame-Filzschreiber in seiner Hosentasche offenbar für einen Marschallstab hält und aus diesem Grund versucht, in die Europäische Union hinein zu regieren. In Bayern: Edmund Stoiber, der sich im Augenblick für seine Verhältnisse zurückhält und sogar ohne Krawatte vor laufende Kameras tritt. An seiner Stelle bellt noch der Alfred Tetzlaff der deutschen Provinzpolitik, Markus Söder, in die Mikrophone bereitwilliger Berichterstatter. In Hessen hockt Roland Koch in Wartestellung auf höhere Weihen. Der gibt allerdings unter dem Eindruck seiner Einvernahme vorm Lügenausschuss des Hessischen Landtages (?) zurzeit nicht, wie sonst, zu allem und jedem seinen Ochsenmaulsalat dazu.
Sie wären so gern, jeder für sich, eine Durchlaucht diese republikanischen Duodezfürsten. Deren Anblick daran erinnert, dass der Arzt vom Zwölffingerdarm spricht, wenn er Duodenum sagt. Sie sind allenfalls Schnittlauch. Weshalb es im Evangelium nach Lukas indessen nicht heißt: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen.” Dieses Lachen wird erst einsetzen, wenn sie und ihresgleichen überwunden sein werden.