„Gesetz statt Sonderregel”
„Stimmen fürs Bestimmen”
(Süddeutsche Zeitung 20. Februar 2007)
„Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt: ‘Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.’ Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.”
(Das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 9, Verse 12 und 13)
„Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.“ Ja, ja, Max Liebermann soll das gesagt haben, als er vom Fenster seiner Wohnung am Brandenburger Tor die von ihrem Sieg über die Demokratie besoffenen Nazis, mit Fackeln bewaffnet, aufmarschieren sah.
Darf, weil der liebermannsche Satz der braunen Mörderbande galt, niemandem so zumute sein wie dem großen Künstler, wenn er heute manche Verhältnisse und Entwicklungen betrachtet? Darf niemandem speiübel werden, weil nichts von dem, was heut geschieht oder gesagt wird, so schlimm sein kann, wie das, womit sich Adolf Nazi, dessen Spießgesellen und die große Mehrheit feiger, Gewinn orientierter, mitlaufender oder laut jubelnder groß- und kleinbürgerlicher Speichellecker ins Gedächtnis der Menschheit eingegraben haben? Darf nicht? Darf doch!
Es geht nicht um die von stammtischenden Politschreiberinnen und – schreibern in die Welt gesetzte allgemeine „Politikverdrossenheit”. Um die kann’s gar nicht gehen, weil es sie nicht gibt. Die Leute haben, soweit sie nicht parteivernagelt sind, die Schnauze ganz einfach voll von wirklichkeitsfernen, demutsfreien, im eigenen Saft schmorenden, unbarmherzigen, auf sich konzentrierten, einerseits unterwürfigen und andererseits grundlos auftrumpfenden Politruks. Männlichen und weiblichen. Die Leute haben die Faxen dicke.
Die „kleinen Leute”, wie der größere Teil der vor betriebswirtschaftenden Verlagsmanagern und machtbesessenen Verwaltungsapparatschiks in Rundfunkanstalten kniefällig winselnden Journaille die Mehrheit der Bevölkerung abschätzig tituliert, die sogenannten kleinen Leute spüren sehr wohl, dass sie nicht von „der Politik”, sondern von konkreten, namhaft zu machenden Politikerinnen und Politikern verladen werden. Wobei die angeblich vierte Macht im Staate, die Presse, die eigentlich ein wachsames Augen auf die politische Klasse haben sollte, der hilfsbereit zur Seite steht.
„Pressefreiheit ist (eben, hjs) die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten“ wie der ganz und gar nicht linke Publizist Paul Sethe 1965 in einem Brief an den „Spiegel” schrieb. Und weiter: „Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.“ So ist es! Damals meinte Sethe, er wisse, es gebe in der deutschen Presselandschaft Oasen, „in denen noch die Luft der Freiheit weht, . . . ” Vergangen, vergessen, vorüber.
Von Zeit zu Zeit werfen Lohnschreiber, die meinen, sie könnten hellsehen, ihrer gut bürgerlichen oder Dumpinglöhne bis Hartz IV empfangenden Leserschaft ein paar Brocken hin, die den Eindruck erwecken sollen, sie kämen ihrem ursprünglichen Auftrag nach. Die ahnen nicht einmal, mit welcher Macht sie von Berufspolitikern über sämtliche Schreib- und Esstische gezogen werden. Natürlich wissen sie nicht, was die andere Seite tut und was sie wirklich vorhat.
Der Bericht über das Verhalten von Parteichristen in Sachen „kontrollierte Heroinvergabe an Schwerstabhängige” in der „Süddeutschen Zeitung” ist einer der oben erwähnten journalistischen Appetithappen. Er macht deutlich, mit welcher Verlogenheit und Heuchelei die Clique vorgeht, die von sich behauptet, sie richte ihr Denken und Tun an „christlichen Wertmaßstäben” aus. Quickelquack.
Erstens kann keiner von denen, die sich selbst, nebenbei bemerkt, gern „mal einen genehmigen” – soviel zum Thema „Drogenkonsum” – das Wort „Barmherzigkeit” auch nur buchstabieren. Zweitens wird durch den Artikel klar, dass die scheinheilige C-Bande „im Bund” die Kosten für die Vergabe von Heroin gleichen Medikamenten auf die Kommunen abwälzen will. Christen? Pfui Teufel.
Ein „Hammer” ist die zweite Geschichte. Sie beschreibt, wie die Hamburger Clerikalen – die von einer Mehrheit, der um ihren Verstand gebrachten wählenden Hamburger auf den Schild gehoben wurden – dabei sind, auf die Gesetze des Anstandes und die Regeln der Demokratie zu spucken. Es genügt ihnen nicht, dass sie sich um Ergebnisse bei Volksentscheiden, die gegen sie gelaufen sind, einen Dreck kümmern. Sie haben überdies eine Wahlrechtsänderung durch das von ihnen dominierte Landesparlament gepeitscht, die Demokraten den Angstschweiß auf die Stirn treibt.
Das Arge daran ist: Niemand versucht auch nur dem Club Der Undemokratischen und dessen Chef, Seine Lieblichkeit Ole von Beust, in den eingeölten Arm zu fallen. Das weiß ein „guter Bekannter” von von Beust, der Boss der Gang, die ein täglich erscheinendes CDU-Wahlplakat als Gazette tarnt, durch gedruckte Ergebenheitsadressen zu verhindern.
Wie soll einem Menschen, der das mitbekommt – selbst im Wissen um den dumpfbösartigen braunen Terror zwischen 1933 und 1945 – nicht ebenfalls speiübel werden? Die Lektüre der Verse eins bis fünf des dritten Kapitels im zweiten Brief des Apostels Paulus an Timotheus könnte ihm unter Umständen helfen. Die Passage vergegenwärtigt dem Lesenden die eigene Unzulänglichkeit. Was möglicherweise dazu beiträgt, Immunkräfte gegen hauptberuflich tätige Hütchenspieler, Wortbrecher und Lügenbolde zu entwickeln:
„Das sollst du aber wissen, dass in den letzten Tagen schlimme Zeiten kommen werden. Denn die Menschen werden viel von sich halten, geldgierig sein, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, gottlos, lieblos, unversöhnlich, verleumderisch, zuchtlos, wild, dem Guten feind, Verräter, unbedacht, aufgeblasen. Sie lieben die Wollust mehr als Gott; sie haben den Schein der Frömmigkeit, aber deren Kraft verleugnen sie; solche Menschen meide!”