21. Februar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Der nackte Wahnsinn”

(Süddeutsche Zeitung 21. Februar 2007)

„Desgleichen, ihr Männer, wohnt vernünftig mit ihnen zusammen und gebt dem weiblichen Geschlecht als dem schwächeren seine Ehre. Denn auch die Frauen sind Miterben der Gnade des Lebens, und euer gemeinsames Gebet soll nicht behindert werden.”

(Der erste Brief des Apostels Petrus an auserwählte Fremdlinge, Kapitel 3, Vers 7)

Die suchen sich nie ebenbürtige Gegner. Sie vergreifen sich stets – ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, das zu vertuschen – an Opfern, die ihnen aus unterschiedlichen Gründen unterlegen sind. Sie gehören einem Gewerbe an, das galaxienweit unter dem der Immobilienmakler, der Banker, der Versicherer, der Winkeladvokaten und – es ist kaum zu glauben, dass das möglich ist – sogar unter dem der Schallplattenproduzenten angesiedelt ist. Als Afterredner sind sie Titanen. Als Menschen Amöben.

Die suhlen sich in dem Schmodder, von dem sie behaupten, andere säßen drin. Gegen die ist Horst Schlämmer – eine Figur des Komödianten Hape Kerkeling – eine Lichtgestalt, ein Ausbund an Takt, Gediegenheit und Stilempfinden. Und das, obwohl der Schmiermichel auftritt, als komme er geradenwegs aus einer deutschen Redaktion.

Wer jemals mit einem der weiblichen oder männlichen Schluderlappen zu tun hatte, die an jedem Tag, den der Schöpfer werden lässt, nichts Besseres zu tun haben, als anderen Leuten ins Bett, in die Badewanne oder in die Unterwäsche zu gieren, die Ehre abzuschneiden, den Ruf zu morden und allerlei Brunnen zu vergiften, dem ist klar: Horst Schlämmer, der Mann, der aussieht , als dusche er sich einmal im Monat – „Ob isch’s nötisch hab oder nisch” –, wechsle die Körperwäsche stets zum Quartalsende und parfümiere sich esslöffelweise mit „Tosca” vom „traditionsreichen Hersteller Mülhens”, ist kein Original; er sieht nur so aus und spricht Originalton.

Er ist mittlerweile neben Männern wie Helmut Markwort („Focus), Kai Diekmann („Bild“) oder Stefan Aust („Der Spiegel“) einer der bekanntesten und eigenwilligsten Journalisten Deutschlands” : Horst Schlämmer. Der stellvertretende Chefredakteur des “Grevenbroicher Tagblatt”, der seit Jahren unter dem Motto “Immer janz discht dran und knallhart nachjefracht” von den wichtigsten Schauplätzen der Republik berichtet, blickt auf eine beeindruckende Karriere zurück posaunt es schriftlich von der „offiziellen Website” dieses aus dem Redaktionsleben gegriffenen Filzstiftes. Es ist anzunehmen, dass Kerkeling weiß, wie „discht” er „dran” ist, an den Auftritten seiner leibhaftigen Kolleginnen und Kollegen.

Im Augenblick trampeln sie alle gemeinsam „unisohle” auf einer 25-jährigen Frau herum, der sie Jahre lang Puderzucker in jede Körperöffnung geblasen haben. Von der sie also wissen, dass sie sich seit Kindesbeinen – manche Kinder haben ihre Eltern nicht verdient – Liedchen trällernd im stinkenden Morast der Unterhaltungsindustrie hat aufhalten müssen. Dabei ist sie reich geworden und kaputt gegangen.

Ihre Seele liegt allem Anschein nach am Boden. Es wäre allerdings neu, dass diese Tatsache dazu berechtigte, dem offenbar verglimmenden Sternchen, heidewitzka, mit den Stiefelspitzen in die Rippen zu treten. Durch die unterzeilige Feststellung: „Britney Spears’ Kahlrasur hat nur eine Bedeutung: Sie ist ein verzweifelter Versuch, im Gespräch zu bleiben”, hat sich die „Süddeutsche Zeitung” nun unter die Jungs und Mädchen mit gelben Kunststoffsocken begeben.

Und mit: „ … erst als ihre Fans selber erwachsen wurden, musste sich Britney von der familienfreundlichen Disney-Puppe zur Schlampe verbessern” und ähnlichen Sottisen greift einer daneben, der eigentlich zu klug und zu gebildet ist, um sich am Niedergang eines jungen Menschen hochzuziehen. Der Mann müsste wissen, dass an den Gebräuchen der Branche, in der Britney Spears gerade unterzugehen droht, schon starke Männer zerbrochen sind.

Jetzt tun die Herolde, Jubelpostillions und Korrumpels der gelben Blätter so, als hätten sie ghostwritend die Verse 8 bis 11 des zweiten Kapitels im ersten Brief des Apostels Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus verfasst: „So will ich nun, dass … die Frauen in schicklicher Kleidung sich schmücken mit Anstand und Zucht, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarem Gewand, sondern, wie sich’s ziemt für Frauen, die ihre Frömmigkeit bekunden wollen, mit guten Werken. Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung.”

Die menschenverachtenden Schmieranten eines abartigen Ablegers der Journaille sollten, wo immer sie auftauchen, mit der Peitsche aus sämtlichen Entertainment-Tempeln der Republik hinaus gedroschen werden.


Eine Reaktion zu “„Der nackte Wahnsinn””

  1. Charles Sassen

    Wunderbar!

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