22. Februar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Unsere Waffen sind nicht mehr gesegnet”

(Süddeutsche Zeitung 22. Februar 2007)

„Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden! und schlugen ihm ins Gesicht.”

(Das Evangelium nach Johannes, Kapitel 19, Verse 2 und 3)

Soldaten sind Leute, die Schwierigkeiten beseitigen, die ohne Soldaten nie entstanden wären. Fast eine Binsenweisheit. Fast! Der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hasek (1883-1923) und dessen Kopfgeburt, der brave Soldat Josef Schwejk, haben’s gewusst und verstanden. Der Prager Hundefänger Schwejk so gut, dass er es fertig brachte, sich „wg. Idiotismus” vorm Militärdienst zu drücken. Genützt hat es ihm indes nur bis zu dem Tag im Jahre 1914, an dem die Machthaber in Europa beschlossen, „ihre” Völker hätten sich für sie „auf dem Felde der Ehre” die Schädel einzuschlagen.

Deutsche Kirchenobere sahen und sehen das anders. Evangelische Kirchenobristen müssen, wie’s scheint, innerlich „Hurra!” gebrüllt haben, als sie am 22. Februar 1957 den „Vertrag zur Regelung der evangelischen Militärseelsorge” unterschreiben durften. Sie haben geradezu darum gebettelt. Protestanten können das nicht gewesen sein, obwohl in diesem Fall sogar der Widerstandskämpfer Martin Niemöller auf ihrer Seite stand.

Ihre Amtsgeschwister in der aufgelassenen DDR hielten es mit den Kriegsdienstverweigerern. Sie weigerten sich nach dem Anschluss standhaft einen Pakt mit der Soldateska einzugehen. Erst im Jahr 2004 gelang es, die im Osten der Republik angesiedelten evangelischen Landeskirchen in den „Militärseelsorgevertrag” einzubeziehen. Ob dafür ihnen gegenüber Waffengewalt angewendet wurde, ist nicht bekannt.

Die katholischen Klerikalfürsten brauchten sich nicht sonderlich um solch ein staatstragendes Papier zu kümmern. Für ihren Verein galt das schon im Jahr 1933 mit den mordlüsternen Nazis geschlossene „Reichskonkordat” weiter. Tut es im Übrigen heute noch! Die Angelegenheiten beider Kirchen im Umgang mit der Bundeswehr werden seit dem 26. Juli 1957 durch das „Gesetz über die Militärseelsorge” geregelt.

Auf solche Figuren wie den Feldkuraten Otto Katz, dessen „Bursche” Schwejk war, werden die „Wehrpflichtigen” in der Bundesrepublik Deutschland von Anfang an gewartet haben. Äußerst erstaunlich, dass sie von denselben „Seelsorgern” betreut werden wie die Zeit- und die Berufssoldaten. Die eine Gruppe wird gezwungen, das Töten zu erlernen. Die anderen beiden sind freiwillig dabei. Das eine stellt doch an die Schwafelkunst andere Anforderungen als das andere. Und überhaupt – wie halten die’s denn mit der Hierarchie?

Militärseelsorgerinnen – Jawoll, die gibt es: die Frauen holen jeden Hirn verbrannten Dummfug, den die Männer ihnen voraus haben, eilends nach – also Militärseelsorgerinnen und Militärseelsorger sind keine Soldaten beziehungsweise Kombattanten. Sie haben keinen militärischen Rang, sind allerdings während ihrer Dienstzeit Angehörige der „Streitkräfte”. Und – und das freut die Unternehmensberater der Kirchen besonders – sie werden aus dem Haushalt der Bundeswehr besoldet.

Sie stehen „unter dem besonderen Schutz des Kriegsvölkerrechts” und schmücken sich mit Titeln wie „Militärgeneralvikar” (katholisch) und „Militärdekan” (evangelisch), wenn sie in der Hierarchie eine Stufe erklommen haben, bei der gemeine Kriegsknechte andere Mitglieder ihrer Zunft auf der Straße grüßen müssen. Militärbischöfe gibt es selbstverständlich auch. Der evangelische Oberhirte soll sogar, als er seine fünf Sinne offenbar noch beisammen hatte, Kriegsdienstverweigerer gewesen sein.

Die Hirtinnen und Hirten von Soldaten müssen übrigens besonders pfiffige und gewitzte Theologen sein. Anders wären sie nicht in der Lage ihrer Schafherde die Verse 38 bis 42 aus der Bergpredigt zu verklarfideln: „Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ‘Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.” Es kann nicht einfach sein, diesen Text Menschen zu vermitteln, die zum Töten ausbilden oder ausgebildet werden.

Auch, weswegen Soldatinnen – die gibt es aus dem gleichen Grund aus dem’s Militärseelsorgerinnen gibt – und Soldaten nicht vorübergehend zu der Kirchengemeinde zählen in der sie ihren „Dienst” ableisten, wird nicht im Handumdrehen über die Rampe zu bringen sein.

Immerhin: Eine eigene „Militärgerichtsbarkeit” – die hätten manche „Juristen” und noch mehr Kommissköppe nur allzu gern wieder – zu installieren, das haben sich die Politruks denn doch noch nicht getraut.

Möglich, dass sie bei der Feier zum 50. Jahrestag der Unterzeichnung des verhängnisvollen Vertragswerkes heute in Köln-Wahn – ist das nicht der rechte Ort für diesen Event? – auf diesen und andere dumme Gedanken kommen.

Keiner der Feiernden, weder die Bundeskanzlerin, noch der katholische oder der evangelische Militärbischof und schon gar nicht der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD), Bischof Wolfgang Huber – einst ein Held ohne den katholisch harten Kragen, den er neuerdings ständig trägt – wird sich jedoch einfallen lassen, nach der Trennung von Staat und Kirche zu fragen oder in seine Rede eine Bemerkung des Propheten Jesaja einzuflechten, obwohl das niemandem schadete: „Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.”


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