26. Februar 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„’Arbeitnehmer sind wichtige Gesprächspartner’”

(Süddeutsche Zeitung 26. Februar 2007)

„Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss.”

(Der Brief des Apostels Paulus an die Christen in Galatien, Kapitel 5, Verse 1 bis 5)

Hoffen setzt Handeln voraus. Wer nichts tut, worauf sollte der hoffen? Wer nicht fühlt, wie das gemeint ist, dem wird ein alter jüdischer Witz aufhelfen: Salomon Gerschfeld betet seit dreißig Jahren zu Gott, dem Allmächtigen: „Herr, lass mich in der Lotterie gewinnen.” Er gewinnt nie. Am ersten Tag des einunddreißigsten Jahres ertönt nach dem Gebet eine gewaltige Stimme von Himmel und die ruft: „Salomon Gerschfeld gib mir ‘ne Chance. Kauf dir ein Los!”

Wenn aber schon einer, der arbeitsfrei zu Geld kommen will, zum Handeln aufgerufen ist, um wie viel mehr müssen dann die aufstehen und auf die Schreibtischplatten hauen, die sich ihr Hirn und ihre Handflächen für Erben, Spekulanten und andere, die reich geworden sind, ohne Hirn oder Hand zu rühren, wund scheuern.

Auf Politikerinnen und Politiker braucht kein Lohn- oder Gehaltsabhängiger und kein Rentner zu hoffen. Hätten Berufspolitiker jemals wirklich tätig werden wollen, dann wären sie nicht unmittelbar nach Abschluss ihrer jeweiligen Ausbildung in die Politik gegangen.

Lasse sich niemand von professionellen Politbeschreibern einreden, das sei eine „unpolitische Sicht” der Dinge. Dummfug! Die meisten der Hofbericht erstattenden Damen und Herren haben sich im Laufe der Jahre so sehr mit den Apparatschiks des Politgeschäftes – das ist wörtlich gemeint – und den Bürokraten gemein gemacht, dass sie nur noch von Zeit zu Zeit so tun, als wagten sie Ausfälle gegen diejenigen, die sich für die Oberschicht halten. Wer um Lob und Auskunft winselnd, ständig zu dieser Clique rennt, gehört längst zum Establishment.

Es kommt nicht von ungefähr, dass der aufs Angenehmste Alters- und auch sonst bestens versorgte Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Michael Glos (CSU), von der Journaille unbehelligt, davon faseln kann, der Unterdrückungsmechanismus Hartz IV (der Hatz IV heißen müsste, weil auf ihm zur Jagd auf Erwerbslose und deren Familien geblasen wird, hjs) solle derart geändert werden, dass die Bezieher dieses Trinkgeldes künftig gezwungen werden können, für ein Ei und einen Apfel jede Drecksarbeit zu erledigen.

So weit ist dieser Müllermeister – komisch: in deutschen Märchen, Sagen und Geschichten ist der Müller fast immer ein Strolch – so weit also ist der Müllermeister Glos von der Wirklichkeit entfernt, dass ihm, wie den meisten Politikern und Journalisten, abhanden gekommen ist: Das Arbeitslosengeld ist kein Almosen!

Es ist der Ersatz, der Versicherten zusteht, die einen Schaden erlitten haben. Er steht ihnen zu, weil sie, um sich davor zu schützen, teilweise jahrzehntelang Prämien in die „Arbeitslosenversicherung” eingezahlt haben.

Ähnliches gilt für die Rentenversicherung. Aber auch an der macht sich der ohne eigene Leistungen hervorragend abgesicherte Politclown Glos zu schaffen. Er trug vor, der Eintritt ins Rentenalter könne sich durchaus über die beschlossene Grenze von 67 Jahren hinaus verschieben. Verständlich: Wer so schafft wie Politprofis, der kann noch mit 80 Jahren „dienstlich” umeinander schlurfen.

Kriegsgewinnler wie Michael Glos und Consorten – zum Beispiel auch der Bundesminister für Arbeitgeber und Sozialkürzungen, Franz Müntefering (SPD) – sind vom Alltag der meisten ihrer Wählerinnen und Wähler so weit weg wie eine Kuh vom Walzertanzen.

Sogar ein Typ wie der Deutschland-Boss des Finanzinvestors Permira, Thomas Krenz, weiß, dass „Betriebsräte … in der Regel hervorragende Kenntnisse über ihre Firma (haben)” und dass „Arbeitnehmer für uns sehr wichtige Gesprächspartner (sind)”. Womit er näher an den Menschen und den Tatsachen des Alltags ist als die Gruselfiguren der deutschen Politik.

Die in selbst erzeugte Watte verpackten Politdarsteller müssten, falls sie sich solche Beiträge überhaupt vorlegen oder vorlesen lassen, vor Erstaunen aus allen Wolken fallen, wenn sie auf einer der Wirtschaftsseiten (!) der „Süddeutschen Zeitung” vom 24./25. Februar 2007 unter dem Titel „Ausgebrannt” zur Kenntnis nähmen, wie mittlerweile weltweit mit denen umgesprungen wird, die Spekulanten und Erben den Mehrwert erarbeiten.

„Globalisierung” hauchen sie und wollen damit andeuten, dass das, was sich in Zeitungen und im Fernsehen als unablässig vorgetragener Börsenbericht niederschlägt, unabänderlich sei. Ein Naturgesetz. Gottes Wille. Ein Aufruf, die Sklaverei oder das Leibeigentum wieder einzuführen. Menschen: Gekauft, gebraucht, verbraucht, weggeworfen. Durch Dumpinglöhne vernichtete Existenzen. Für jeden Sklaven im „alten Rom” ist allein aus Eigennutz besser gesorgt worden, als das heute sogenannten Arbeitnehmern widerfährt. Was nützt uns ein ausgemergelter, kranker „Mitarbeiter” werden die sich damals gedacht haben.

Das juckt die Ausbeuter des Jahres 2007 nach Christi Geburt überhaupt nicht. Es gibt 6,6 Milliarden Auszubeutende. Die Ausbeuter sehen sich also durch nichts veranlasst, innezuhalten, in sich zu gehen, sich eines Besseren zu besinnen. Das Reservoir an „Menschenmaterial” ist für sie unerschöpflich.

Sie werden erst umkehren, wenn sich, wie vor knapp 2100 Jahren ein Mensch wie der römische Sklave und Gladiator Spartacus findet, um den unersättlichen Reichen zu zeigen, wo sich die Armen, Misshandelten, Ausgelaugten ihren Most zu holen gedenken.

Es muss sich ein Mittelweg finden lassen zwischen dem, was Spartacus tat und dem, was der Apostel Paulus der christlichen Gemeinde in Rom im fünften Kapitel eines Briefes riet: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben: ‘Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.’ Vielmehr, ‘wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln’ Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.”


Eine Reaktion zu “„’Arbeitnehmer sind wichtige Gesprächspartner’”

  1. Günther Lührs

    Arbeitgeber sind wichtige Gesprächspartner? Dummfug! Bei einem unerschöpflichen Reservoir an Menschenmaterial kann richtig zur Hatz IV geblasen werden. Eine echte Vertretung für die wirklich Arbeitenden gibt es ohnehin nicht mehr. Statt dessen gibt es jetzt ein Arbeitslosengeld in Form eines Appels und eines Eies für Drecksarbeit. Miete gibt’s ohnehin aus dem für Apparatschiks des Politikgeschäftes gut gefüllten Staatssäckel. Weiter lernen wir, die Arbeitslosenversicherung ist trotz jahrzehntelang eingezahlter Beiträge gar keine Versicherung! Wo bleibt ein Spartacus?

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