„Und alle Fragen offen”
(Süddeutsche Zeitung 27. Februar 2007)
„Denn das Gesetz hat nur einen Schatten von den zukünftigen Gütern, nicht das Wesen der Güter selbst. Deshalb kann es die, die opfern, nicht für immer vollkommen machen, da man alle Jahre die gleichen Opfer bringen muss. Hätte nicht sonst das Opfern aufgehört, wenn die, die den Gottesdienst ausrichten, ein für allemal rein geworden wären und sich kein Gewissen mehr gemacht hätten über ihre Sünden? Vielmehr geschieht dadurch alle Jahre nur eine Erinnerung an die Sünden. Denn es ist unmöglich, durch das Blut von Stieren und Böcken Sünden wegzunehmen.”
(Der Brief eines Unbekannten an die christlichen Hebräer, Kapitel 10, Verse 1 bis 4)
Und wieder wird eine „arme Sau” durch die Hirne der deutschen Provinz getrieben. Der Volksgerichtshof tagt. Auf den Richterstühlen sitzt in Vertretung der Masse der Suffköppe Deutschlands eine Zunft deren Wahlspruch lautet: „Was Krupp in Essen, sind wir im Saufen!” Ein Verein, dessen einzelne Mitglieder am liebsten alles in einem sind: Streifenpolizist, Kriminaler, Zeuge, Staatsanwalt, Richter und Henker. „Journalisten”, die sagen: Unschuldsvermutung? Was soll das sein? Urteil eines ordentlichen Gerichtes abwarten? Mensch, wir sind Tagesberichterstatter und schaffen nicht für den Hundertjährigen Kalender.
Sie wollen nicht nur bestimmen, wer oben ist. Sie wollen ebenfalls steuern, wer am Boden zu liegen hat. Sie lieben das öffentliche Abschlachten der von ihnen vorverurteilten Opfer. Das bereitet ihnen ein krankes Vergnügen. Erstens, weil es Auflage oder Quote macht. Zweitens, weil es Leuten, die sonst nichts zu sagen haben, die Gelegenheit bietet, ihren „Chefs” zu zeigen, dass sie doch irgendwer sind. Und drittens, weil es ihr privates Selbstwertgefühl hebt. Solche bellenden Würmer können nur dadurch, dass sie sich von Flinkschustern die Absätze unter ihren Schnürstiefeln erhöhen lassen über den Rand der Teller schielen, die mit den Suppen gefüllt sind, die sie anderen eingebrockt haben.
Die Gilde sogenannter Journalisten ist wieder einmal dabei, einen Menschen, der nicht so spurt, wie sie sich vorstellt, dass er’s tun müsste, öffentlich zu zerwirken. Ekelwärtig. Die geben sich nicht einmal die Mühe, ihre Messer so zu wetzen, dass sie ihrer Beute gekonnt mit einem rasiermesserscharfen Schnitt die Gurgel schmerz- und lautlos durchtrennen. Nein, sie setzen die stumpfe Rückseite alter Metzgerbeile ein und schlagen dazu die Werbetrommel.
In dieser Woche hat es den Radler Jan Ullrich erwischt. In der vorigen war es ein Schlagersternchen. In der kommenden wird es möglicherweise ein politischer Hinterbänkler sein. Nur an die wirklich Mächtigen, die Bosse, trauen sie sich nicht heran. Das könnte schmerzhafte Folgen für sie haben. Auf denen wird erst dann herumgetrampelt, wenn die – in den Monaten zuvor noch bejubelt – von wirklichen Juristen oder den eigenen Kumpanen zu Fall gebracht worden sind.
„Jan Ullrich erklärt wie erwartet seinen Rücktritt – und verweigert die Aufklärung der Dopingvorwürfe” (Süddeutsche Zeitung) – „Endlich stellte sich Jan Ullrich einmal den Fragen. Wie ein Vater versuchte Reinhold Beckmann, die Wahrheit aus seinem Sohn herauszupressen … (Welt online) – „Jan Ullrich, der gefallene deutsche Radsportheld, tritt zurück und setzt zum Rundumschlag an.” (Frankfurter Rundschau) – „Wer nichts zu sagen hat und nichts sagen will, für den werden geschlagene achtzig Minuten vor laufender Kamera zur Tortur. Doch auch der langmütige Pädagoge Reinhold Beckmann biss sich an Jan Ullrich die Zähne aus.” (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – „43 Minuten Monolog ++ Abrechnung mit Scharping ++ Zukunft bei zweitklassigem Ösi-Team ++ Peinliche Werbung für Fahrrad-Flickzeug” (Bild.online) – „Peinliche Fortsetzung der Tour de Farce” (Focus) – „Die Umrundung der Wahrheit” (Spiegel online).
Wie mit einer Stimme singt ein bizarrer gemischter Chor in schrillen Tönen das miese Lied von seinem gestürzten einstigen Helden. Zum Chorleiter haben sie einen Mann erhoben, über den sich nicht wenige von ihnen seit Jahren lustig machen – Reinhold Beckmann. Das ist jene Fernseh-Größe, die dadurch glänzt, dass sie den wirklichen Bösewichten aus Politik und Wirtschaft nie Fragen stellt, die denen ans Eingemachte gehen. Deutlicher lässt sich die Bedeutungslosigkeit der unterwürfigen deutschen Journaille nicht machen.
Worum geht es eigentlich bei dem, was zurzeit mit einer riesigen, zum Himmel stinkenden Ruß geschwängerten Stichflamme abgefackelt wird? Der Radler Ullrich soll sich gedopt haben. Zu deutsch: Er soll sich medikamentenähnliche Mittel einverleibt haben, die helfen sollten, seine sportlichen Leistungen zu steigern. Das war’s! Der Radler Ullrich hätte also seiner eigenen Gesundheit geschadet. Das wäre schlimm genug! Für ihn! Nicht etwa für andere. Dem Radler Ullrich wirft niemand vor, mit Dopingmitteln gedealt zu haben. Der Radler Ullrich macht von dem Recht eines jeden Beschuldigten Gebrauch, zu seinem Fall nicht auszusagen; schon gar nicht vor Leuten, die seit geraumer Zeit versuchen, ihn auf Campingplätzen zu grillen.
Der Radler Ullrich hat sich die Freiheit genommen, sich Leuten zu widersetzen, die sich wie Bolle über den „kürzesten Witz” amüsieren: „Gehen zwei Journalisten an einer Kneipe vorüber”. Der Radler Ullrich hat sich nicht von denen vorführen lassen, die sich selbst dopen. Und sei es nur mit dem Kick, den sie empfinden, wenn ihre Schlagzeilen Aufsehen erregen. Den Radler Ullrich wird’s wundern, dass anlässlich der Olympischen Spüle, die alljährlich unter der Bezeichnung „Oktoberfest” in München stattfindet – Motto: „Wir rufen die Säufer der Welt!” – keiner seiner außergerichtlichen Ankläger jemals von Drogenmissbrauch geredet oder geschrieben hat.
Diejenigen, die darüber von Jahr zu Jahr nicht allein hinwegsehen, sondern, im Gegenteil, das angebliche Volksfest in hohen Tönen besingen, wissen überdies genau, dass der deutsche Durchschnittsmanager seine Tage in den Intriganten-Stadln der Wirtschaft nur übersteht, wenn er sich eine Mixtur aus Aufputsch- und aus Beruhigungsmedikamenten setzt, die er mit Alkohol hinunterspült. Das ist keinem der Aufklärungs-Überflieger jemals eine Zeile in Großbuchstaben wert gewesen. Es könnte für sie gefährlich werden, weil ein an den Pranger Gestellter unter Umständen einen Freund im Vorstand des Verlages oder im Rundfunkrat des Senders hat, in denen so was veröffentlicht werden könnte.
Der Radler Jan Ullrich hat sich nicht wie ein Opferlamm zur Schlachtbank führen lassen. Das soll er jetzt büßen. Dazu ist eine neue Form des Volksgerichtshofs zusammengetreten. Der lässt nicht mehr morden. Der versucht indes den Angeklagten ohne den Hauch eines Beweises vorgetragen zu haben, seelisch zu vernichten: „Zerbrechen Sie unter Ihrer Schuld?“ – „Ich … ” – „Ja oder Nein. Auf eine klare Antwort” – „Nein!” – „Sie können gar nicht zerbrechen. Sie sind doch nur ein klägliches Häufchen Elend.”
Was immer Jan Ullrich – der von sich sagt, „Ich gehöre keiner Kirche an, aber ich glaube an Gott” – getan oder billigend gelassen hat, auch für ihn gilt das, was Paulus der römischen Gemeinde ins Stammbuch schrieb: „Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes; so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut.”