„‘Hilfe für Afrika’”
(Neue Zürcher Zeitung 15. März 2007)
„Denn die Leiter dieses Volks sind Verführer, und die sich leiten lassen, sind verloren.”
(Der Prophet Jesaja, Kapitel 9, Vers 15)
So ist es. Genau so: „Nur, wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.” Das schwante nicht nur Bert Brecht. Das wussten die Reichen dieser Erde schon immer. Und sie wissen’s – natürlich – heute noch.
Brechts Erkenntnis – dem Verbrecher Mackie Messer in den Mund gelegt – beschränkt sich nicht auf diejenigen, die bis zur Oberkante der Unterlippe in federleicht ererbtem oder in über windige Börsendeals zusammengerafftem Geld baden.
Die Habgier umklammert mit eiskalten eisenharten Klauen ebenfalls jene, die so tun, als täten sie was für andere. Für „Die Menschen draußen im Lande!” wie es aus der Bütt des sogenannten Hohen Hauses – dem überbesetzten Parlament im Berliner Reichstag – tönt. Das wär’ zum Lachen, wenn’s nicht so traurig wäre.
Leute, die das Maul nur dann aufmachen dürfen, wenn ihre Bosse es ihnen erlauben, diese Karikaturen, die nach dem Grundgesetz einzig ihrem Gewissen unterworfen sind, sollen was tun können, für „die Menschen draußen im Lande”? Zum Totlachen.
Es ist nicht so, dass die nichts täten. Sie haben sich fast regelmäßig ihre Diäten erhöht und ihr Pensionseintrittsalter gesenkt. Sie haben keine rostige Kopeke für ihre Alters- und Krankenversicherung abgedrückt. Sich aber ein bezahltes „Ehrenamt” (Sitze in Aufsichtsräten) nach dem anderen gegönnt.
Sie fliegen – gratis. Sie fahren Erster Klasse mit der Bahn – umsunst. Sie telefonieren – frank und frei. Sie tun das beileibe nicht nur, um ihr niederdrückend schweres Mandat auszuüben. Das alles nützt ihnen gleichfalls dann, wenn sie Privates unternehmen. Die reiben sich auf? Haha: Sie reiben sich die Hände.
Seltsam: Die Politjournaille – die sich der verquasten Sprache der Politbürokraten befleißigt – verbreitet das Gerücht, die Abgeordneten des Bundestages seien nicht nur fleißige Arbeiter am Weinberge Gottes, sie seien überdies auch sonst außerordentlich kregel.
Womit sie dem Publikum weismachen, die Subjekte ihrer Berichterstattung ersönnen und verabschiedeten Polizei- und Schnüffelgesetze „zum Wohle des deutschen Volkes”.
Weshalb Journalisten das tun, bleibt unerfindlich. Dringen doch Peinlich- oder Bösartigkeiten aus den geheimen Zirkeln nach außen, werfen sie der „Bestie Wahlvolk” Fleisch in Gestalt missliebiger oder in Ungnade gefallener Parlamentarier vor.
So ist es im Blätterwald fast gänzlich untergegangen, dass der ehedem „jüngste Abgeordnete des Bundestages”, der Karrierist und „Grüne” Matthias Berninger (*1971) zum 20. Februar 2007 auf sein Mandat verzichtete, weil er in Brüssel bei der Mars Inc. Europe, als „Director Corporate Health and Nutrition” tätig wurde. Wie heißt es gleich unter vielen Ernährungswissenschaftlern: „Mars (selber) essen macht dick.”
„Mars macht (eben nicht) mobil bei Arbeit, Sport und Spiel”. Das ist sogar der „Redaktion” des Magazins der Börse München, „Südseiten” aufgefallen. „Grüner Mars-Mann” heißt in der jüngsten Ausgabe eine Meldung, die mit dem Satz beginnt: „Lange nichts mehr gehört von Matthias Berninger.”
Das gilt ebenso für andere Mitglieder des deutschen Parlamentes, die zunächst hyperaktiv herumhopsten, von denen später dann nichts mehr zu sehen und zu hören war oder ist und die nach Eintritt einer Gedächtnislücke beim Wahlvolk lautlos in Firmenvorständen wieder auftauchen. Die Merzens, Meyers, Müllers und wie sie sonst noch heißen mögen.
Es ist, als sei es nicht genug damit, dass der Bundesminister der Finanzen sich schamlos an denen bereichert, die nichts besitzen. Und die ihm und seiner Partei vertraut und ihre Stimme gegeben haben. Mit ihrer Beute, bedienen sie jetzt diejenigen, die nicht im Traum an andere denken und schon gar nicht daran, „Sozis” zu wählen.
Dabei schaden die ihnen genau so wenig wie die anderen. Denn sie sind alle aus dem Holz eines Stammes geschnitzt. Das war Kurt Tucholsky schon 1923 klar:
Aber du, Genosse, warst flinker als ich. / Dich drehen – das konntest du meisterlich. / Wir mussten leiden, ohne zu klagen, / aber du – du konntest es sagen. / Kanntest die Bücher und die Broschüren, / wusstest besser die Feder zu führen. / Treue um Treue – wir glaubten dir doch! / Genosse, erinnerst du dich noch?
Heute ist das alles vergangen. / Man kann nur durchs Vorzimmer zu dir gelangen. / Du rauchst nach Tisch die dicken Zigarren, / du lachst über Straßenhetzer und Narren. / Weißt nichts mehr von alten Kameraden, / wirst aber überall eingeladen. / Du zuckst die Achseln beim Hennessy / und vertrittst die deutsche Sozialdemokratie. / Du hast mit der Welt deinen Frieden gemacht. / Hörst du nicht manchmal in dunkler Nacht / eine leise Stimme, die mahnend spricht: / „Genosse, schämst du dich nicht –?”
Scham. Das ist für die, die sich an vollen Trögen flegeln, ein unbekannter Begriff. Das beweist unter anderem das Verhalten von Alfred Biolek (*1934). Diese Sabine Christiansen im Hosenanzug mit Stirnglatze hatte erklärt, sie wolle „nie mehr im Fernsehen auftreten”, „nur noch Theater machen”. Unmittelbar danach saß der Springinsfeld in jeder greifbaren TV-Kiste.
Ohne das Rühren der Marketender-Trommeln verkaufen sich weder Theaterkarten noch drittklassige Kochbücher. Aber – harmlose Reisende in den zu spät kommenden Zügen der Deutschen Bahn mit geheuchelter Barmherzigkeit zu behelligen, überschreitet jede Grenze.
„Mehr als 100 000 Gerichte von Alfred Biolek haben wir bei zurückliegenden Aktionen in unseren Zügen verkauft“, posaunte die Deutsche Bahn in die ohnehin verpestete Luft. Und dann kommt es faustdick: „Gleichzeitig können unsere Gäste etwas Gutes tun. Pro verkauftem Gericht überweisen wir ein Euro an die ‚Alfred Biolek Stiftung – Hilfe für Afrika’.“
Es folgte: „Die Gerichte stammen aus dem Kochbuch „Neue Rezepte“ von Alfred Biolek, erschienen im TreTorri Verlag. Das Buch wird im Aktionszeitraum in den Speisewagen zum Preis von 19,90 Euro verkauft.” Da kann einem nicht nur, da muss einem speiübel werden.
Abwenden, weglaufen und sich mit dem vierunddreißigsten Psalm sagen: „Schmecket und sehet, wie freundlich der HERR ist. Wohl dem, der auf ihn trauet!”