„‘Das war o.k. Das war richtig geil’”
(sueddeutsche.de 19. März 2007 22.01 Uhr)
„Denn Weisheit wird in dein Herz eingehen, und Erkenntnis wird deiner Seele lieblich sein, Besonnenheit wird dich bewahren und Einsicht dich behüten, – dass du nicht geratest auf den Weg der Bösen noch unter Leute, die Falsches reden, die da verlassen die rechte Bahn und gehen finstere Wege, die sich freuen, Böses zu tun, und sind fröhlich über böse Ränke, die krumme Wege gehen und auf Abwege kommen ...”
(Die Sprüche Salomos, Kapitel 2, Verse 10 bis 15)
Was für ein Schmarrn aus dem Hause Kitsch & Compagnie dieses verlogene „Elf Freunde sollt ihr sein!” Wovon es heißt, Josef Herberger (1897–1977), Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft von 1936 bis 1942 und von 1950 bis 1964, habe „seine Jungs” sogar aufgefordert: „Elf Freunde müsst ihr sein.” Und das im Fußball.
Genauso gut könnte jemand verlangen, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Meinrad Ackermann (*1948) – hoch angesehener Halsabschneider, Tantiemenritter Dividendenschinder – und der Vorsitzende der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft („Verdi“), Frank Bsirske (*1952) – also der Mann, der die 2,359 Millionen Mitglieder seines Haufens vor den Ackermanns schützen will – müssten einander von Herzen zugetan sein.
Fußball und Freundschaft passen so zueinander wie Feuer und Wasser, wie Katz und Maus, wie Habgier und Freigebigkeit. Fußball ist ein gigantisches Geschäft. Und wenn schon bei kleinen Deals, „die Freundschaft aufhört”, dann gibt es sie, wenn es bei „global playern” um Geld ohne Ende und um Macht geht, gleich dreimal nicht. Fairness? Komische Frage. Regeln? Nur, wenn der Schiedsrichter hinkuckt. Verhältnismäßigkeit? Blödsinn.
Es kann einen seltsam berühren, zu erleben, mit welch verschlagener Dickbramsigkeit Ex-Kicker die Geschäfte von Unternehmen führen, die sich als Fußballvereine und Sportorganisationen tarnen.
Das gelingt denen, weil ihnen Wirtschaftsjournalisten, die in diesem Fall als Sportberichterstatter firmieren, den Hof fegen und zu Diensten sind, wenn, in welcher Sportart auch immer, unbequeme Leute zur Räson gebracht werden sollen.
In Hamburg beispielsweise zanken sich seit geraumer Zeit Fan-Clubs, einfache Mitglieder, Vorstände und der „Aufsichtsrat” des einstigen Bundesliga-Vorzeigevereins und jetzigen „Regionalligisten” FC St. Pauli. Da fliegen die Fetzen. Da werden Brunnen vergiftet, Rufe gemordet und manchem die Ehre abgeschnitten. Da haben Heckenschützen Hochkonjunktur.
Vor drei Wochen kündigte der Präsident des Clubs – ein Künstler, ein erfolgreicher Kleinkunstunternehmer, ein feinfühliger und kluger Mann – an, er werde am 26. März 2007 den Bettel hinwerfen.
Das war die Stunde der Besserwisser, vor allem aber der Typen, die meinen, mit den Fußballern im braunen Trikot, die sich von ihrer Mattigkeit zu erholen scheinen, sei ein Geschäft zu machen.
Hurtig enthoben sie den „Entertainer” – wie ein hilfswilliger Umsturzfreund, der sich in einer süddeutschen Zeitung unter der Überschrift „Chaos auf St. Pauli” über den Verein und seinen Präsidenten verbreitete – seines Amtes und setzten sich selbst hinein.
Diesem Treiben machte jetzt das Hamburger Landgericht ein Ende. Der alte Vorsteher bleibt auf seinem Stuhl. Auch über den 26. März hinaus. „Zum Wohle des Vereins”, wie er nach dem Urteilsspruch erklärte. Elf Freunde müsst ihr sein.
Dass die rund 250 000 „Männer und Frauen in Uniform” – wie Soldatinnen und Soldaten von Weißwäschern schönfärberisch genannt werden – die bei der Bundeswehr „dienen”, mit Sicherheit keine 250 000 Freundinnen und Freunde sind, muss nicht eigens betont werden.
Dort, wo das „Prinzip von Befehl und Gehorsam” gilt, kann es so wenig Freundschaft geben wie im Profi-Sport. Muss „Freundschaft” ein Fremdwort sein. Im „Ernstfall” müssen diese Uniformierten einen solchen Hass im Bauch haben, dass sie ohne zu zögern, einen Menschen oder gleich mehrere, wenn es sein muss sogar sehr viele, auf einen Schlag töten können.
Das ist übrigens bei der Polizei nicht anders. Auch dort lässt das Prinzip, das jeden mit Hirn und Herz ausgerüsteten Menschen in Windeseile an seine charakterlichen Grenzen führen muss, keine wahre Freundschaft aufkommen.
Mag sein, dass Soldatinnen – die Frauen haben keine Konsequenzen aus dem Dumpfsinn der Männer gezogen – und Soldaten „hart ran genommen” werden müssen. Das allerdings, was bei der „7. Kompanie des Instandsetzungsbataillons 7 in Coesfeld” abgespult wurde, geht sogar Härtepriestern über die Birettschnur.
Am Landgericht Münster geht es deswegen „um Körperverletzung nach dem Strafgesetzbuch und um Misshandlung und entwürdigende Behandlung von Untergebenen nach dem Wehrstrafgesetz”, wie es in der „Süddeutschen Zeitung” heißt.
Und: „Im ersten und zweiten Quartal des Jahres 2004 waren Rekruten bei Nachtmärschen überfallen und gefesselt worden … (ihnen) wurde mittels einer Kübelspritze Wasser in die geöffneten Hosen gepumpt, einzelnen … in den gewaltsam geöffneten Mund. Im Kasernenkeller sollen Rekruten mit Stromstößen … traktiert worden sein.”
Weiter: „Einer der Ausbilder habe mit Tritten und Schlägen nachgeholfen, wenn sich die gefesselten Soldaten nicht schnell genug bewegt hätten. Allen Vorgesetzten, also den drei beteiligten Zugführern und dem Kompaniechef, sei klar gewesen, dass eine solche Ausbildung für Rekruten unzulässig ist …”
Schließlich, so der einzige Offizier unter den dreizehn Angeklagten, solle laut Befehl „einsatzorientiert“ und „fordernd“ ausgebildet werden. Einzelheiten seien nicht sein Ding gewesen. Er habe sich auf seine „Untergebenen“ – was für ein Wort – verlassen.
Den Rekruten, da ist sich Hauptfeldwebel Martin D. mit den Unteroffizierskaraden einig, habe das Ganze einen „Heidenspaß gemacht”. Um „konstruktive Kritik“ gebeten, habe es unisono geheißen: „Das war o.k. Das war richtig geil”.
Erschreckend mit welcher Unverfrorenheit nicht nur Profitfernsehsender und Revolverblätter „das Verrohen der Jugend” beklagen, wenn davon ausgegangen werden darf, dass Coesfeld überall dort ist, wo in Deutschland Kasernen stehen.
Die sollen übrigens so marode sein, dass den potentiellen Kriegsheldinnen und –helden der Aufenthalt in ihnen nicht zuzumuten sei. Bemängelt „Oberst” Bernhard Gertz vom Bundeswehrverband. Zyniker könnten ihm erwidern, das sei Teil der „Einsatz orientierten” und „fordernden” Ausbildung.
Besser wär’s, die Welt verließe sich auf den Propheten Jesaja. Denn der hat verheißen: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.”
Am 20. März 2007 um 17:49 Uhr
Tagelang warst Du nicht da, und ich wollte mich schon besorgt erkundigen, als ich von einer kleinen Reise zur Nordsee zurückkam. Nun also wieder ein Hanjo-Glockenschlag -leichter Schlag auf den Hinterkopf. Hoffentlich hilft es. Das Thema habe ich auch behandelt - Interesse?
Es grüßt und hofft, dass es gut geht.
Ulli