„Hoffnung für Tausende geprellte Anleger”
(Süddeutsche Zeitung 21. März 2007)
„Wer wahrhaftig ist, der sagt offen, was recht ist; aber ein falscher Zeuge betrügt. Wer unvorsichtig herausfährt mit Worten, sticht wie ein Schwert; aber die Zunge der Weisen bringt Heilung. Wahrhaftiger Mund besteht immerdar; aber die falsche Zunge besteht nicht lange.”
(Die Sprüche Salomos, Kapitel 12, Verse 17 bis 19)
Ach, wie schön, welch ein Schlag – genau auf den Solarplexus oder voll auf die Null: „Mc-Job, der; -s, -s (engl.) (ugs. für schlecht bezahlter, ungesicherter Arbeitsplatz)”. So steht’s in der 24. Auflage des „Duden”. Also in der seit August 2007 endgültig gültigen Version, der von Polithengsten, Amtsschimmeln und Sprachwallachen in Hinterzimmern ersonnenen „Rechtschreibreform”.
Im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland stehen die Anführer der US-Truppe mit dem irreführenden schottischen Namen auf der Matte, um den Verlag des „Oxford English Dictionary” in die Knie zu zwingen. Sie wollen ihn dazu bringen, den Eintrag „Mc-Job: Ein unstimulierender, schlecht bezahlter Job mit wenigen Karriereaussichten” zu tilgen.
Die Schlagmänner der US-Galeere fordern eine Definition, die „einen Job reflektiert, der stimulierend ist und sich auszahlt, der wirkliche Karriereaussichten ebenso bietet wie die Aneignung von Fähigkeiten, die ein Leben lang nützlich sind.” Am Ende wird unter „Mc-Job” zu lesen sein: „ugs. für Trittbrett durch das man nach oben kommt”.
Was auch immer auf der splendide isolierten Insel bei diesem Wortgefecht herauskommen wird, die Deutschen brauchen neben dem Deutsch für Ausländer, das ihnen verschwitzte Reklamer in den Mund und in die Schreibmaschinentastatur ihrer Computer gelegt haben, dringend neue Vokabeln.
Es fehlen Verben wie lidln, schleckern, ackermanndln, siemenseln, airbusseln, börseln, heuschreckeln, clerikalunionieren, sozialdemokrateln, von-der-leyen-raspeln, merkeln, köcheln, becken, stoibern, pierern, mühlsteinbrücken, feuchtträumen, kernern, umschleimen, biolekken, cdeffeln, klebern, ardeln, struveln, maischbergern.
Denn das, was in der zweiten Republik auf deutschem Boden abläuft, ist mit bescheißen, betrügen, vorführen, übern-Tisch-ziehen, Sand-in-die-Augen-streuen, hinters-Licht-führen, verführen, für-dumm-verkaufen, piesacken, verarschen, leimen, Rad fahren, dummschwätzen, heucheln, lügen, arschkriechen schon lange nicht mehr zu beschreiben.
Es wäre ein Wunder käme von jenen, die frei gewählte Abgeordnete über den Fraktionszwang und andere Druckmittel knebeln und sich ihre Wahlkämpfe von sprachbehinderten Kosmetik-, Waschmittel-, Margarine-, Auto-, Textil- und „Service”-Pornografen „gestalten” lassen, ein für die Mehrheit des Wahlvolkes brauchbarer, nützlicher Gedanke. Solche Wunder gibt es nicht.
„Werberat beklagt Frauenfeindlichkeit” ist heute den Gazetten zu entnehmen. Wes Geistes Kind die Jungs und Mädchen der Lallepop-Branche mit ihren nassen Träumen sind, das erhellen Einfälle wie der, den sie für einen Mobilfunkanbieter hatten. Da ist in einer Anzeige eine Frau mit entblößten Protuberanzen zu sehen, die von der Textzeile: „Lust auf ‘ne billige Nummer? Kannst auch Deine alte mitbringen” begleitet wird. Hübsch schmierig.
So eingeölt schmierig wie das ganze Gewerbe. Das lebt ausschließlich vom Beschiss. Einem hoch dotierten Beschiss, den am Ende der Verbraucher – den die Sprachakrobaten gern den Endverbraucher nennen, als gäbe es nach dem Verbrauchen noch ein anderes Konsumieren – über den Abverkaufspreis (huh!) bezahlt.
Beschiss ist auch das Versprechen, das die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft” über Inserate in Tageszeitungen gibt. Da findet sich die Behauptung die „Initiative” sei „eine überparteiliche Reformbewegung von Bürgern, Unternehmen und Verbänden für mehr Wettbewerb und Arbeitsplätze in Deutschland”. Und auf kleinkariertem Hintergrund die Rechnung: „2029: 3 Jahre länger leben – 2 Jahre länger arbeiten = 1 Jahr mehr Rente” So gut kann kein Medikament sein, um den dadurch entstehenden Brechreiz zu lindern.
Das hat das Format, das der Antiquitätenhändler hatte, der einem Sammler „das Schwert des alttestamentlichen Propheten Bileam” anbot. Der potentielle Käufer wandte ein: „Bileam hatte gar kein Schwert. Gewünscht haben wird er sich eins.” Darauf der Händler: „Ja. Und genau das Schwert, das ich Ihnen anbiete, ist das, welches Bileam sich wünschte.”
Auf diese Weise kann und darf nach dem unergründlichen Prinzip der „Marktwirtschaft” in Deutschland jeder alles herstellen, anbieten und verkaufen, benutzen dürfen Käuferinnen und Käufer diese „Produkte” indessen keineswegs in jedem Fall. Es darf gleichfalls alles versprochen und es muss nichts eingehalten werden. Gerade stehen? Wofür und weshalb?
Das erfahren Leute, die an „Kaffeefahrten” teilnehmen ebenso, wie die, die Bankern und Versicherern vertrauen.
Da müssen tausende Käufer von „Schrottimmobilien” bis vor den Bundesgerichtshof ziehen, um gegen die Bausparkasse Barmenia ihre Schadensersatzansprüche geltend machen zu können. Es wären noch mehr, hätten sich nicht einige von denen, die die Barmenia wohlwissend ins offene Messer des privaten Ruins hatte rennen lassen, das Leben genommen.
Die Banker haben „aufs Engste mit einer betrügerischen Vermittlerfirma zusammengearbeitet” wie das Gericht feststellte. Sie haben ihre „Kunden” mit flotten Sprüchen eingelullt und dann, bei eingetretener Insolvenz, gnadenlos ausgepündert. Das ist alles landauf, landab bekannt. Keine der nutzlosen Politamöben hat für die Abgezockten auch nur einen Finger krumm gemacht, geschweige denn eine Hirnzelle bewegt.
Irgendwann sollten sie bei Wahlen die Quittung dafür bekommen. Die einen direkt. Die anderen dadurch, dass sich der Arm der Gerechtigkeit über die richtigen Politiker verlängern lässt.
Ohne diese Konsequenz kann es jedem Wähler so ergehen, wie dem Mann, der einem Zeitungsjungen eine Zeitung abkaufte, weil der gebrüllt hatte: „Riesenschwindel! Riesenschwindel! 98 Opfer!” Nach Überfliegen des Inhalts der Zeitung stellt der Käufer den Burschen zur Rede: „Kein Wort steht da von einem Riesenschwindel.” Worauf ihm der Knabe mit dem Ruf: „Riesenschwindel! Riesenschwindel! 99 Opfer!” ins Wort fällt.
Jenen Politokraten, die sich sowohl der galoppierenden Parteidisziplin und irgendwelchen Fraktionszwängen und nicht allein ihrem Gewissen aussetzen, darf eine Mitteilung zuteil werden, die der des Johannes im dritten Kapitel der Offenbarung entspricht: „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.”