„Berlins Pate auf freiem Fuß”
(die tageszeitung.de 22. März 2007)
„Man muss dem Bösen wehren mit harter Strafe und mit ernsten Schlägen, die man fühlt.”
(Die Sprüche Salomos, Kapitel 20, Vers 30)
Was wie ein Märchen klingt, ist eines. Das haben sich vor rund 200 Jahren die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm von Leuten erzählen lassen. Bis dahin war es mündlich überliefert worden. Es ist demzufolge erheblich älter. Es hat sich wenig geändert. Doch – etwas läuft in den Erzählungen anders als heute: Im Märchen erhält der Undank den ihm gebührenden Lohn.
Die Märchenerzähler von heute – Schöntuer in der Politik und Schönfärber im BWL-Journalismus – stehen auf Seiten derer, die meinen, wer älter ist als 60 Jahre, habe keine Ansprüche mehr anzumelden, das Maul zu halten und sich mit den Brosamen, die vom Tische der Jungen fallen zu begnügen.
Im Märchen vom „undankbaren Sohn” ist zu lesen: „Es saß einmal ein Mann mit seiner Frau vor der Haustür, und sie hatten ein gebraten Huhn vor sich stehen und wollten das zusammen verzehren. Da sah der Mann, wie sein alter Vater daherkam, geschwind nahm er das Huhn und versteckte es, weil er ihm nichts davon gönnte. Der Alte kam, tat einen Trunk und ging fort. Nun wollte der Sohn das gebratene Huhn wieder auf den Tisch tragen, aber als er danach griff, war es eine große Kröte geworden, die sprang ihm ins Angesicht und saß da, und ging nicht wieder weg; und wenn sie jemand wegtun wollte, sah sie ihn giftig an, als wollte sie ihm ins Angesicht springen, so dass keiner sie anzurühren getraute. Und die Kröte musste der undankbare Sohn alle Tage füttern, sonst fraß sie ihm aus seinem Angesicht; und also ging er ohne Ruhe in der Welt hin und her.”
Zierlich: Der Selbstversorger Franz Müntefering (*1940) – angeblich Sozialdemokrat, Vizekanzler und Bundesminister für Arbeit und Soziales – und der Jungnickel Philipp Mißfelder (*1979) – angeblich Christdemokrat, Bundesvorsitzender der Jungen Union und Mitglied des Deutschen Bundestages („Ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekommen“) – mit ‘ner Kröte im Nacken. Dabei stehen die nur für den Rest einer Blase, die vor Wichtigkeit derartig aufgebläht ist, dass sie bald platzen muss.
Diese Repräsentanten des „christlichen Abendlandes” haben mit Sicherheit noch nie von den „Zehn Geboten” gehört. Falls doch, dann ist ihnen das vierte durch die Lappen gegangen: „Du sollst Vater und Mutter ehren, auf dass dirs wohlgehe und du lange lebest auf Erden.” Logisch: Wer will schon „lange leben auf Erden”, wenn er weiß, was ihm im Alter von den Jungen und von denen, die ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben, blüht.
Die Mehrheit der Betriebswirte in der deutschen Presse sieht und beschreibt es so wie die „Süddeutsche Zeitung”: „Erste Rentenerhöhung seit drei Jahren” steht über einem Artikel auf Seite 1 des Blattes von heute. In der Unterzeile heißt es: „Gute Konjunktur ermöglicht leichte Anhebung um 0,54 Prozent, doch das gleicht Kaufkraftverluste nicht aus”.
0,54 Prozent nach drei Jahren der Teuerung. Und das kommentiert ein Hanswurst im Inneren des Blattes mit: „Dennoch ist die Rentenerhöhung eine gute Nachricht. Sie zeigt, dass die Alten nicht vergessen sind, dass es auch ihnen nützt, wenn die Wirtschaft in Schwung kommt.”
0,54 Prozent: Das sind monatlich vier oder fünf Euro pro „Durchschnittsrentner”. Juppheidi, das ist der Aufschwung. Nee, nee, nee: Das ist ein ganz und gar mieser Klimmzug.
Jedem das Seine. So mickrig wie deutsche Rentnerinnen und Rentner gerade abgespeist worden sind, so mickrig ist die Strafe für einen Mann ausgefallen, der an vorderster Stelle dabei war, als das Bundesland Berlin an den finanziellen Abgrund gefahren wurde: Klaus-Rüdiger Landowsky (*1942). Ein Jahr und vier Monate „Freiheitsentzug”. Auf Bewährung!
Der Fraktionsvorsitzende der CDU im Berliner Abgeordnetenhaus (1991-2001) hielt in der Stadt sämtliche Strippen, die es gab, in Händen. Wenn der an einem Faden zog, dann tanzten die Puppen. Oder auch nicht. Der wusste alles. Der konnte alles. Der machte alles. An dem kam niemand vorbei, der etwas sein oder werden wollte in der deutschen Metropole.
Im Jahr 1993 übernahm er neben seinen unzähligen politischen Wuseleien überdies den Vorstandsvorsitz der Berliner Hypotheken- und Pfandbriefbank AG (BerlinHyp), einer Tochtergesellschaft der Bankgesellschaft Berlin. Dieser weitere Farbklecks auf dem Fächer seiner Macht muss ihn endgültig in den Größenwahn getrieben haben.
Er ging offenbar mit dem Geld andrer Leute so um, als sei es sein eigenes. Trotzdem hätte ihm das nicht das Karrieregenick gebrochen, wäre nicht im Jahr 2001 aufgekommen, dass er von Spezeln aus der ClerikalUnion, denen er einen Millionenkredit gewährte, ein Almosen in Höhe von 40 000 Mark für die darbende Partei eingesackt hatte. Das kostete die Nennchristen die Regierungsmacht, die sie sich damals mit den Spezialdemokraten teilten.
Die „tageszeitung”, die ihn den „Paten von Berlin” nennt, schreibt über das, was geschah als seine Sonne im Zenit stand: „Landowsky war eine zentrale Figur des Berliner Bankenskandals. In dem Prozess ging es um die Vergabe von Krediten an die Immobilienfirma Aubis Mitte der 90er-Jahre. Die Berlin Hyp hatte Darlehen von über 235 Millionen Euro an sie bewilligt, obwohl hohe Risiken dagegen sprachen. Mit dem Geld kaufte die Aubis in großem Stil Plattenbauten in Ostdeutschland. Die Kreditvergabe sei eine ‘unverantwortliche Entscheidung’ gewesen, begründete der Richter. Der Vorstand der Berlin Hyp habe sich ‘gravierende Pflichtverstöße geleistet. Keiner der Beteiligten konnte glauben, dass das Rechenwerk tragfähig ist.’”
Die Senatsverwaltung schätzt die Kosten, die der Stadt dadurch entstanden sind, auf bis zu neun Milliarden Euro. Allein für die Zinsen müssen jährlich rund 80 Millionen Euro abgedrückt werden. Zum Vergleich: Halb so viel gibt die Stadt im Jahr dafür aus, marode Schulen und Sportstätten zu sanieren. Und dann: Sechzehn Monate auf Bewährung.
Vorm Landgericht protestierte deswegen die „Initiative Bankenskandal”. Ihr Initiator Peter Grottian – Politologe an der Freien Universität – findet: „Letztendlich ist das ein Freispruch, den man bloß nicht so nennen wollte.” Das Urteil zeige, dass das „Tollhaus von Verfehlungen dieser Manager und Politiker wirklich groß ist – aber die rechtlichen Sanktionsmöglichkeiten sich in engen Grenzen bewegen”.
Die Hauptstadt wird noch lange am Weben und Wirken von Landowsky & Co. zu kauen haben. Er sieht sich übrigens als Ehrenmann – der um seine Ehre kämpfe. Der Politchrist sei an den ersten Brief des Johannes (Kapitel 3) erinnert. „Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht.”
Am 27. März 2007 um 10:15 Uhr
Hab beim Surfen einen interessanten Link zu einem Krimi über den Bankenskandal gefunden: Fred Schreiber „Steig aus, wenn du kannst! Fondsbetrug mit Folgen”. Das erste Kapitel ist locker geschrieben, liest sich gut und verspricht Hochspannung. Krimi – Leseprobe: http://www.dlf-opfer.org/Steig_aus_wenn_Du_kannst_Leseprobe.pdf