„Justiz stoppt Richterin nach Koran-Urteil”
(Frankfurter Rundschau 22. März 2007)
„Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halbtot liegen. Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinab zog; und als er ihn sah, ging er vorüber. Desgleichen auch ein Levit: als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn; und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn. ... Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war? Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!”
(Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 10, Verse 30 bis 37)
Je dümmer und ungebildeter ein Mensch ist, desto eher wird er sich auf Verführer einlassen. Deshalb ist es seit jeher das Bestreben halbseidener Führer gewesen, Menschen so blöd wie möglich aber auch so gerissen und heimtückisch wie für ihre Zwecke, nötig zu halten.
So lassen sich „Riesenreiche” beherrschen. Der Hofstaat wird’s schon richten. Da herrscht Sozialdarwinismus anstatt sozialer Intelligenz. Brutalität an Stelle von Barmherzigkeit. Eiseskälte statt wohltuender Wärme. Woraus eine Schicht erwächst, die „Führer” stützt. Die ist – so lange der Vorrat reicht – loyal nach der Maßgabe: Subordination ist das Bemühen stets ein Grad dümmer zu erscheinen als der nächst höhere Vorgesetzte. Oder – ein Lehrer.
Diese Art von Gefolgschaft muss von Kindesbeinen an spüren, dass wirkliches Wissen – das denken und nachdenken voraussetzt – den Aufstieg behindert. Denn aus wirklichem Wissen entstehen Zweifel – an eigenem und an fremdem Tun und Lassen. Fragen und Nachfragen – Merkmale des Zweifels – setzen schöpferische Kräfte frei. Allerdings vor allem solche, die Autokraten und ihren Cliquen nicht genehm seien können.
Deshalb lassen sie eine Intelligenzija heranzüchten, die spurt. Dabei geht es nicht ums Lernen, das wissend macht. Dabei geht es ums Pauken, ums Auswendiglernen, ohne zu begreifen, ums Sich-Anpassen, ums schnelle Vergessen (wenn’s nützlich erscheint). Um eine „Auslese” die Reglosigkeit, Unduldsamkeit, Besserwisserei, Härte und Größenwahn verheißt.
Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit können in solchen Systemen nicht gedeihen. Beide fördern nicht zu kalkulierende Unwägbarkeiten für die Machthaber. Völker, die wissen, sind nicht so leicht hinters Licht zu führen, wie jene, die in betulicher Selbstgefälligkeit gehalten werden. Mir san mir. Und – wo wir sind, da ist oben.
Seltsam: Gerade bei denen, die den „freien Wettbewerb” predigen, wenn es darum geht, die Bedingungen fürs Volk zu manipulieren, gilt der Wettbewerb um Ämter im System als „Kampf” im Sinne von „Krieg”.
In einer Demokratie lassen sich Autokratien am besten in Form der „Föderalismus” genannten Kleinstaaterei in die Tat umsetzen. Jeder Ministerpräsident ein Duodezfürst. Da kommt nichts zustande, was den sogenannten kleinen Leuten nützt. Schon gar keine Bildung.
Wenn dann Fachleute der Vereinten Nationen feststellen, Deutschland sei ein intellektuelles Notstandsgebiet, dann jaulen die Verursacher und die Nutznießer der Günstlingswirtschaft auf.
Zum Beispiel mit Dumpfsinn, wie dem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”: „Welches andere Land besitzt ein vergleichbar schwach ausgeprägtes Selbstbewusstsein und lässt sich von einem Professor aus Costa Rica, der kaum des Deutschen mächtig ist, die Leviten lesen?”
Es bleibt dabei: Der britische Mathematiker und Philosoph Bertrand Russel (1872-1970) hatte Recht, als er sagte: „Das ist der ganze Jammer, dass die Dummen so sicher sind und die Klugen so voller Zweifel.”
Frucht zänkischer Kleinstaaterei sind politische Würmer, die bellen. Solche, wie der katholische CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach (*1952). Der führt das Wort „Scharia” so im Munde, als kaue er nach jahrelangem Studium des islamischen Rechts eine Kreuzspinne und lese unablässig im Koran. Ein Ignorant, der die Splitter in den Augen seiner Nächsten sieht und den Balken im eigenen Auge nicht bemerkt.
Jemand der widerspruchslos einer Gemeinschaft angehört, die sich trotz grundgesetzlich festgelegter Trennung von Staat und Kirche, in die Belange des Staates einzumischen versucht und sich auf Privilegien beruft, die sich aus einem Vertragswerk ergeben, das mit dem Reich des Adolf Nazi geschlossen worden ist, sollte stille sein in der Gemeinde.
Wer einen Blick in den „Codex Iuris Canonici” – den Kodex des kanonischen Rechts – aus dem Jahre 1983(!) oder in den „Katechismus der Katholischen Kirche” aus dem Jahr 1993 wirft, dem wird klar, dass die nicht weit von der Scharia entfernt sind. Auch, wenn der Zugriff der römischen Kirche auf „ihre” Gläubigen sich anders anfühlt als der der Mullahs.
Natürlich liegen diejenigen richtig, die eine Richterin wegen Befangenheit (und Dummheit?) von einem Fall abziehen und sie schelten, weil sie meint, sie dürfe einer Muslima mitteilen, die habe die Gewalt, die ihr Ehemann ihr zufüge, zu ertragen. Das sehe schließlich ihre Religion so vor.
Ist dieser „Juristin” entgangen, dass sie nach den Gesetzen der Bundesrepublik Deutschland Recht zu sprechen hat? Und überhaupt: Wie kann sich ein gebildeter Mensch – einerlei, wo er lebt und was er „glaubt” – auf einen so kaputten, vorsintflutlichen Standpunkt zurückziehen?
Sich daraus einen Hammer zu schmieden, um damit auf alles Islamische einzudreschen oder den Islam deswegen in Bausch und Bogen zu verdammen – wie das im Augenblick in mancher Rede und nicht wenigen Artikeln mitschwingt – zeugt von niederen Beweggründen und namenloser Intoleranz. Wer das betreibt, müsste gezwungen werden, sich Gotthold Ephraim Lessings (1721-1781) Drama „Nathan, der Weise” zu Gemüte führen, um zu lernen, wie nahe sich Juden, Christen und Muslime sind.
Auch sich mit dem Sultan Saladin (1137-1193) zu beschäftigen, kann nicht schaden. Was der Samariter im durch Lukas überlieferten Gleichnis für Jesus war (Samariter waren für das jüdische Volk von damals keine „echten Juden”), das waren im Mittelalter für die Menschen im vorderen Orient die gar nicht friedfertigen, sondern oft raub- und mordlustigen Kreuzritter.
Die hat Saladin zwar Mores gelehrt und ging trotzdem – nicht von ungefähr – als ritterlicher Gegner in die Geschichte ein. Als König Richard I. von England, sein „Feind”, ernsthaft krank wurde, bot ihm der Sultan die Dienste seines Leibarztes an und ließ ihm Pfirsiche und Schnee vom Berg Hermon zur Kühlung von Getränken bringen. Und Saladin war nicht der einzige muslimische Herrscher, der Toleranz mit Andersgläubigen Wirklichkeit werden ließ.
Wer das weiß, der wird sich nicht von fundamentalistischen Scharfmachern – auf welcher Seite sie auch stehen mögen – verblüffen lassen. Davor sei das bei Matthäus aufgezeichnete Jesuswort: „Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? … Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?”