26. März 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„‘Lafontaine hat die SPD verraten!’”

(bild.t-online.de 25. März 2007 19:10:20)

„Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.”

(Das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5, Vers 22)

Nicht nur Kinder- auch erwachsner Mund tut hin und wieder Wahrheit kund: „Sage mir mit wem du umgehst und sich sage dir, wer du bist.” Nur aus der Ferne zu beobachten, auf welche Weise sich welche Leute zu welchem Zeitpunkt und aus welchem deutlich erkennbaren Grund an gewisse großspurige Sprachrohre für das winzigkleine Karo wenden, das kann einem empfindsamen Menschen schon auf den Magen schlagen.

Das betrifft nicht allein den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, den Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann und den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Widerspruch wird nicht akzeptiert: Keine Christin und kein Christ darf sich mit dem Teufel zusammentun, um Beelzebub auszutreiben. Oder - um die Engel im Himmel singen zu hören.

Als der Moraltheologe Hermann Busenbaum (1600-1669), Mitglied der Gesellschaft Jesu (SJ), feststellte: „Wenn der Zweck erlaubt ist, sind auch die Mittel erlaubt” und „Wem der Zweck erlaubt ist, dem sind auch die Mittel erlaubt” – was die Nachwelt unzulässig zu „Der Zweck heiligt die Mittel” verknappte –, als also Busenbaum seine „Regel” aufstellte, schloss er ausdrücklich verwerfliche Mittel aus. Genauso deutlich empfiehlt er an zweiter Stelle ausschließlich „zulässige Mittel” einzusetzen, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen.

Wenn sich nun zwei bibelfeste Kirchenmänner mit dem, bildhaft gesprochen, leibhaftigen Gottseibeiuns – einem Mann, dessen Produkte nicht nach Druckerschwärze riechen, sondern nach Schwefel stinken – zusammentun, ist aus busenbaumscher Sicht, der gewollte Zweck nicht nur verfehlt, er ist entheiligt. Das geschah, als die Axel Springer Aktiengesellschaft am 29. Oktober 2004 mitteilte, sie werde vom 15. November an über „Bild” eine „Volksbibel” verbreiten.

Karl Lehmann und Wolfgang Huber hatten sich mit Kai Diekmann verbündet, um die Heilige Schrift unter die Leute zu bringen. Das haben sie getan, obschon ihnen bekannt gewesen sein muss, wer ihr Kompagnon ist und für was für eine Art von „Berichterstattung” er mit „Bild” steht. Die angebliche Zeitung ist der Papier gewordene tägliche Verstoß gegen das achte Gebot: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.”

Von den „Seligpreisungen” der „Bergpredigt” des Neuen Testaments – zum Beispiel, dem achten Vers: „Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen” –, kann der Boss der Gang, die an jedem Tag, den der Schöpfer werden lässt, andere Menschen beschnüffelt und mit Dreck bewirft, noch nie auch nur eine Silbe gehört haben.

Kurzum: Wenn der Auftritt der beiden durchaus honorigen Kirchenleute mit dem rücksichtslosen Hartleiber und die gemeinsam zelebrierte Nummer mit der „Volksbibel” in Ordnung gewesen sein soll, dann brennt in der Hölle wirklich ein Feuer!

Dem Ex-„Personalvorstand” und einstigen Mitglied des Vorstandes der Volkswagen AG, Peter Hartz, muss allerdings schon jetzt auf der Erde höllisch heiß geworden sein.

Anders ist nicht zu erklären, wieso der wegen „Untreue” zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von 576 000 Euro verurteilte und damit verflossene Großmanager seine in ein Buch gepresste „Beichte” gegenüber einer Mitarbeiterin der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” dazu benutzt, zu erklären, alles sei ganz anders gewesen.

Und – und das vor allen Dingen – die jetzt praktizierte, nach ihm benannte Norm „Hartz IV”, sei nicht das, was er vorgeschlagen habe.

Die Regelung, nach der ein Erwerbsloser nur zwölf Monate lang „Arbeitslosengeld” erhalte, das sich nach dem bis dahin bezogenen Einkommen richtet, sei für ihn „ein großer Fehler, ein Betrug, wenn Sie so wollen, an denen, die jahrelang in die Arbeitslosenversicherung eingezahlt haben“. Er sei, einzig und allein, weil die Politik nicht so gekonnt habe, wie er es wollte, „zum Buhmann der Nation geworden.“

Das mag durchaus so sein. Die Frage, die sich aus seinem weinerlichen Vortrag ergibt, ist doch: Wie kommt es, dass ihm das alles erst jetzt, seit er vom süß betäubenden Tropf des öffentlichen Ansehens abgehängt worden ist, auffällt?

Ähnlich läuft es mit der Gestalt, deren Anblick stets aufs Neue zu der Erkundigung verführt, ob sich ihr Friseur die Arme gebrochen habe.

Franz Müntefering, von 2004 bis 2005 Kurzzeit-Vorsitzender der einstmals ruhmreichen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, jetzt „Bundesminister für Arbeit und Soziales” (juhu, welch ein Treppenwitz) hat sich, wie die Bischöfe Lehmann und Huber, Kai Diekmann und dessen Gefolge in die Arme geworfen.

Schluchzend erzählt der Mann, der als Fachkraft ein Hanswurst, aber als Hanswurst eine Fachkraft ist, den Sozenfressern des Gully-Blattes irgendeinen Stuss von „Mindestlöhnen” und von „sittenwidriger” Bezahlung. Als ob irgendjemand von denen, an die er seine Appelle richtet, die Absicht hätte, die verwahrlosten Zustände zu ändern.

Fehlte bloß noch, der Spezldemokrat hätte die Gebetsmühle von der „Globalisierung, die Globalisierung, die schreckliche Globalisierung!” in Betrieb gesetzt. Wozu sollten Völker Politfuzzys brauchen, wenn nicht dazu, dem Großkapital in den raffgierigen Arm zu fallen?

Aber all das war dem Witzekanzler Müntefering offenkundig gar nicht wichtig. Er wollte – das und nur das war der von Angstschweiß angetriebene, dem busenbaumschen Prinzip diametral entgegenstehende Zweck seines „Interviews” mit „Bild” – seinem „Genossen” von ehedem, Oskar Lafontaine, eins überbraten.

Die sozialdemokratische Idee, nicht die kommunistische habe die Mehrheit in Deutschland. Das ist denkbar. Nur – es gibt keine sozialdemokratische Partei mehr in diesem Land.

Zum Schluss zieht der Katholik Müntefering noch eine Giftspritze hervor. Lafontaine habe die Partei und die linke, sozialdemokratische Idee verraten. Und: Lafontaine „ist ein Populist, die größte Ich-AG in unserer Republik”. Welch ein Scherz aus dem Munde eines Lakaien des Maß verschneiderten Lackaffen von der Leine.

Die Frage ist, ob beide gleich rachsüchtig sind. Dann hülfe ihnen, was sie im zweiten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth nachlesen können: „Wem aber ihr etwas vergebt, dem vergebe ich auch. Denn auch ich habe, wenn ich etwas zu vergeben hatte, es vergeben um euretwillen vor Christi Angesicht, damit wir nicht übervorteilt werden vom Satan; denn uns ist wohl bewusst, was er im Sinn hat.”


Eine Reaktion zu “„‘Lafontaine hat die SPD verraten!’””

  1. Ulli Sander

    Das war wieder vom Feinsten, aber gar nicht fein. Wortgewaltig und hoffentlich laut genug.
    Lieber Hanjo, hoffentlich lesen es viele, wie auch der Rede von Lafontaine hier vom Sonntag in Dortmund weiteste Verbreitung zu wünschen ist.
    Es grüßt Ulli

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