28. März 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Parteien entsetzt über Boom rechter Straftaten”

(FR online 28. März 2007 um 08:08:08 Uhr)

„Und der HERR sprach: Es ist ein großes Geschrei über Sodom und Gomorra, dass ihre Sünden sehr schwer sind. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob's nicht so sei, damit ich's wisse.”

(Das erste Buch Mose [Genesis], Kapitel 18, Verse 20 und 21)

Vergangen. Vergessen. Vorüber. Tage, an denen auf dem Tummelplatz des legalisierten Zockertums und der betriebswirtschaftlichen Hinterfotzigkeit, der Börse, Selbsterkenntnis aufblitzt, gibt es nicht mehr. Stattdessen platzen die Ochsenfrösche des Geldgeschäftes und angrenzender Reviere vor Selbstgewissheit.

Sie beherrschen mit Taschenspielertricks das Geschehen in den Medien. Nichts ist dem speichelleckenden BWL-Journalismus wichtiger als das Auf und Ab an den Umschlagorten virtueller „Werte”.

Ein verschwindend kleiner Teil der Menschheit bereichert sich am „Aktienmarkt”. Aber erfundene „Werte” dominieren die Nachrichtenlage.

„Er ist der ehrlichste Mann an der Börse: Sieht aus wie ein Ganove und ist auch einer.” Oder: „Zwei Banker vergnügen sich in einem brasilianischen Nobelpuff als der eine seinem Komplicen panisch zuzischelt: ‘Zuhause steht der Safe offen!’ Worauf der erwidert: ‘Macht nichts. Wir sind doch beide hier.’” Solche Scherzchen gab’s einmal. Weg. Die mit virtuellem Geld aufgepumpten Fesselballons wollen ernst genommen werden.

Die Liebediener des Großkapitals knien vor Managern und Spekulanten und singen „Kommt, lasset uns anbeten”. Sie tun das mit ekliger Hingabe solange, bis andere die Andachtssubjekte der differenzierungsunfähigen Bagage als Gauner, Schieber und Korrumpels entlarven.

Die Idole der Polit- und der Wirtschaftsjournaille zeichnen Verschlagenheit, Gerissenheit, Verantwortungslosigkeit, Unbarmherzigkeit, Eigennutz – die lachen sich schief, wenn ihnen erklärt wird, Eigentum verpflichte – und eine ungeheure Selbstüberschätzung aus.

Das aber empfinden die Wasserträger der Geld schneidenden Schaumschläger und wortbrüchigen Polittaktierer als „professionell”.

Den unfrohen Zustand, in dem sich Deutschland befindet, „verdanken” die Menschen im „Herzen Europas” über weite Strecken diesen Dienern eines goldenen Kalbes mit Namen Mammon.

Die beeindruckt nicht harte Arbeit, nicht emsiger Fleiß, nicht blauäugige Redlichkeit, nicht schöpferischer Einfallsreichtum, nicht anhaltende Ausdauer von Menschen mit Skrupeln und ohne Titan in den Ellenbogen.

Fällt allerdings eins ihrer Götzenbilder, dann tun sie so, als hätten sie’s schon immer gewusst. Dabei wissen sie nicht einmal, dass unter guten Geschäftsmanieren verstanden wird, „nur solche krummen Dinger zu drehen, die keine Klage rechtfertigen”.

Diesen Grundsatz haben immer mehr Verwalter von Goldtöpfen, die arbeitslose Couponschneider (und dadurch auch sich selbst) steinreich – arbeitende Mehrwerterschaffer indessen bettelarm – gemacht haben, außer Acht gelassen. Zumindest fliegen in jüngerer Zeit immer häufiger Mitglieder dieser – Management genannten – Bande auf.

Da weinen sie, wie heute auf der Titelseite der „Süddeutschen Zeitung” , „Siemens-Vorstand Feldmayer verhaftet” und grübeln im Grunde nur darüber, was der „Europa-Chef des Konzerns” wohl falsch gemacht haben könnte. Statt das System in Frage zu stellen.

Oder sie schreiben in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung”: „Gauner muss man Gauner nennen” . Und meinen damit den Ex-Fußball-Schiedsrichter Robert Hoyzer. Der war geschnappt worden, als er versuchte, sich nach Börsemanier in den Wohlstand zu schummeln.

Es hätte, finden die FAZler, in einer TV-Talkshow nach der Methode „Haltet den Hoyzer!” erörtert werden müssen, „ob Hoyzers Irrweg prototypisch (sei) für eine von Egoismus und Aufstiegswahn durchtriebene Gesellschaft”.

Die nehmen angeblich sogar verheuchelten Politikastern ab, sie seien „erschüttert” darüber, dass „in diesem unserem Lande” eine braune Brut ihren dicken hirnlosen Schädel frech aus dem stinkenden Morast der Vergangenheit streckt.

Politiker, deren Umgang mit Hilfsbedürftigen aus der Fremde empfindenden Menschen die Schamröte ins Gesicht treibt; Politruks, die mir-nichts-dir-nichts das Asylrecht des Grundgesetzes in das Sumpfloch schmissen, in dem dieses Otterngezüchte schlummerte, tun so, als hätten sie das nicht geahnt.

Die Organe der Bundesrepublik, die die Verfassung schützen sollen, nehmen zwar den winzigsten Splitter im Hintern eines „Linken” auf tausend Meter wahr, den Baseballken in der Hand rechter Schläger jedoch sehen sie selbst dann nicht, wenn sie unmittelbar vor den Gewalttätern stehen. Folge einer Verbindehautentzündung?

Die würden den Zimmermann Josef und seine schwangere Freundin Maria, klopften sie heute an, ohne viel Federlesen des Landes verweisen: „Unnütze Wirtschaftsflüchtlinge!” So, wie sie Andersdenkenden stets lustvoll ins Kreuz treten, wenn sie die schon nicht mehr ans Kreuz nageln dürfen, wie es einst dem Erstgeborenen der Maria geschah.

Sie sprachen vor Jahren von „unerwünschter Durchrassung”. Sie wollten „asylantenfreie Zonen” in „ihren” Städten. Sie hetzen mit Parolen wie „Kinder statt Inder”. Sie schwätzen von „Asylanten, die nur deshalb nach Deutschland kommen, um sich hier gratis satt zu essen, warm zu kleiden und sich ein Dach überm Kopf zu beschaffen, ohne zu arbeiten”.

Sie machen dadurch mies, dass sie von „Schein-Flüchtlingen, die die kriminelle Szene bereichern” schwadronieren. Sie lassen Asylbewerber, denen gemeingefährliche Geisteskranke die Existenzgrundlage überm Kopf abgefackelt haben, mit der Begründung ausweisen, denen fehle „die Existenzgrundlage”.

Sie schmeißen zugewanderte Menschen aus dem Land, die von besoffenen Deutschen invalid geprügelt worden sind, und sagen dazu, die könnten „mit solchen Traumata wohl kaum noch in Deutschland integriert werden”.

Die wollen „entsetzt” sein? Und „erschüttert”? Denen kann gar nicht oft genug mitgeteilt werden, was der Apostel Petrus in seinem ersten Brief „an auserwählte Fremdlinge” schrieb: „So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil, da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.”


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