29. März 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Barroso will Kohl noch in dieser Woche
für Nobelpreis vorschlagen”

(Mittelbayerische Zeitung 27. März 2007)

„Und um solcher Macht willen, die ihm gegeben war, fürchteten und scheuten sich vor ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen. Er tötete, wen er wollte; er ließ leben, wen er wollte; er erhöhte, wen er wollte; er demütigte, wen er wollte. Als sich aber sein Herz überhob und er stolz und hochmütig wurde, da wurde er vom königlichen Thron gestoßen und verlor seine Ehre ...”

(Der Prophet Daniel, Kapitel 5, Verse 19 und 20)

Haut gout. Vieles von dem, was Volker Bouffier (*1951), clerikaldemoskopischer Minister des Inneren und für Sport in Hessen, berührt, bekommt irgendwie ein – „Gschmackerl”. Wird er aktiv, umweht seine Tätigkeiten oft ein Geruch, der am Gaumen haften bleibt und säuerlich in die Nasenschleimhäute sticht, wobei er die Augen zu Tränen rührt. Hbrr!

Staatsanwälte und Richter stöhnen, die von ihm geführte Behörde mische sich in ihre – nach dem Grundgesetz – unabhängige Tätigkeit ein. Er will die Bundeswehr im Lande tätig werden lassen. Der Umgang seiner Behörde mit Migranten ist ein Stück für Lehrbücher über Grausamkeit von Staats wegen.

Seine Law-and-Order-Auftritte erinnern auf sonderbare Weise an die des Gründers des US-amerikanischen „Federal Bureau of Investigation” (FBI), John Edgar Hoover (1895-1972). Der zeigte sich stets als flammender Retter von Recht und Ordnung und hatte dabei so viel vor der eigenen Türe zu kehren, dass ein Menschenleben dafür nicht ausgereicht hätte.

Im Jahre 2005 dekorierte sein alter Spezl, Roland Koch, Ministerpräsident von Hessen und Erfinder des Ochsenmaulsalates, Bouffier mit dem Hessischen Verdienstorden. Es focht den Minister nicht an, dass er berechtigt ist, sich selbst als Empfänger des Schmuckstücks vorzuschlagen.

Wie bei vielen Ausgebouffierten ist zu spüren, „korrekt isses nich, wasser tut”. Aber – ein Haifisch ist ein Haifisch, wenn man’s ihm beweisen kann. Und die Unschuldsvermutung gilt selbstverständlich auch für diesen Staatsdiener.

Spannend zu verfolgen, wie er sich jetzt aus der Affäre zu ziehen gedenkt. Denn der Ordnungshüter Bouffier muss, nach allem, was bekannt geworden ist („Stern”, „Spiegel”, „Die Welt”, die „Süddeutsche Zeitung” und andere berichten), seit über einem Jahr gewusst haben, dass drei hessische Polizeibeamte neonazistischer Umtriebe verdächtigt wurden.

Der Schreckschuss daran ist: Alle drei „beschützten” im Staatsauftrag Michel Friedman, den ehemaligen Vizevorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Ein in juristischer Behandlung befindlicher „Leibwächter” Friedmans soll in einem Berliner Hotel den Holocaust geleugnet haben. Jedoch nicht in der Öffentlichkeit, so dass keine(!) Volksverhetzung vorgelegen habe, wie eine Oberstaatsanwältin jetzt erklärt.

Das Verfahren gegen den 43-Jährigen sei im August 2005 eingestellt worden. Im Juni 2005 sei es von der Polizei an die Staatsanwaltschaft gegangen. Sie gehe also davon aus, dass das Innenministerium über die Vorgänge informiert gewesen sei, so die Anklägerin.

Laut „Stern” wurde der Mann zum Staatsschutz versetzt. Dort habe er nach untergetauchten NS-Tätern suchen sollen. Mittlerweile sei er Sportausbilder an der hessischen Polizeischule.

Er ist einer der drei Polizeibeamten, gegen die im Sommer 2006 wegen des Verwendens verfassungsfeindlicher Symbole ermittelt worden war. Auf seinem Computer soll das verbotene „Horst-Wessel-Lied”, Kampfhymne der Nazis, gespeichert gewesen sein. Dies Verfahren ist, anders als das gegen die beiden anderen Polizisten, noch nicht abgeschlossen.

Von alledem hat Bouffier, der vermutlich gestern verlautbart hat, er sei „entsetzt” über das Anwachsen rechtsextremistischer Straftaten, versteht sich, nichts gewusst. Er spielt drei Affen in einem: Er hat nichts gesehen, er hat nichts gehört und er hat auch nichts zu sagen.

Das kennen die Deutschen von einem anderen parteiprofessionellen Christen. Auch bei dem Rechthaber und Besserwisser setzt immer dann Gedächtnisschwund ein, wenn es gilt Fehler einzugestehen, Sauereien zurückzunehmen, Machtwahn abzulegen, Ideenklau einzuräumen, Spaltungen zu verhindern. Das ist zwar ein Syndrom, das alle Politgewinnler befällt, Helmut Kohl jedoch „chatt’s ärfund’n”.

Dieser Fette aus Dingsda, der stets dann groß heraus kam, wenn er zuvor andere aufeinander gehetzt, ihm Missliebige kalt gestellt, Speichel leckende Zwerge lang und Geistesriesen kurz und klein gemacht hatte, soll den Friedennobelpreis verliehen bekommen.

Das jedenfalls findet sein Gesinnungsgenosse, der Kommissionspräsident der Europäischen Union (EU), José Manuel Barroso. Der Ex-Ministerpräsident von Portugal beabsichtigt seinen Vorschlag noch in dieser Woche dem Preiskomitee in Oslo zu unterbreiten.

Wofür soll der Mann geehrt werden, der ohne mit der Wimper zu zucken, seit Jahr und Tag so tut, als stehe über den Gesetzen der Bundesrepublik und über jedem Verständnis von Moral?

Dafür, dass er sich „jahrzehntelang für Europa engagiert” habe und „für die Wiedervereinigung Deutschlands eingetreten” sei. Das habe „maßgeblich zum Frieden für den europäischen Kontinent beigetragen”.

Aus dem gleichen Grund müsste ein Briefträger gefeiert werden, weil er Post, „aus aller Welt” unter „deutsche Empfänger” verteilt. Wieso einer nur dafür geschmückt werden soll, weil er seine Arbeit so verrichtet, wie es seine Stellenbeschreibung vorsieht, bleibt unerfindlich.

Im Übrigen stand der unbußfertige, zu keiner Zeit zur Umkehr bereite Parteispendentrickser zufällig am Straßenrand, als die deutsche Wiedervereinigung zufällig am Arm des damaligen Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Michail Sergejewitsch Gorbatschow, des Wegs gezogen kam.

Er hat sich nur an sie gehängt und gleich anschließend die „Brüder und Schwestern” im Osten mit windigen Versprechungen zur Testamentsänderung überredet. Und Europa? Ja was? Europas Einheit – in ihrem Lauf – halten weder Ochs noch Esel auf. Dafür sorgt schon das Großkapital. Der bislang einzige Nutznießer des Zusammenschlusses.

Sollte sich das Nobel-Komitee in Oslo bei der Vergabesitzung mit Aquavit zuschütten und Kohl den Preis zuerkennen, muss die Groteske dadurch auf die Spitze getrieben werden, dass der Komödiant Hape Kerkeling ihn – ähnlich wie bei seinem Auftritt als Königin Beatrix der Niederlande – in der Maske des nachtragenden Niedertrachters entgegennimmt.

Kerkeling wird sich auf seinem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela für ein solches Martyrium gerüstet haben. Zum Beispiel beim Beten des zwanzigsten Verses des 68. Psalmes: „Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.”


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