30. März 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„‘Dass Sie sich mit einem neunfachen Mörder
solidarisieren, macht mich fassungslos’”

(Süddeutsche Zeitung Magazin 30. März 2007)

„Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So seid nun Gott untertan. Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch. Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch. ... Demütigt euch vor dem Herrn, so wird er euch erhöhen. Verleumdet einander nicht, liebe Brüder. Wer seinen Bruder verleumdet oder verurteilt, der verleumdet und verurteilt das Gesetz. Verurteilst du aber das Gesetz, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der selig machen und verdammen kann. Wer aber bist du, dass du den Nächsten verurteilst?”

(Brief von Jakobus, dem Gerechten, Kapitel 4, Verse 6 bis 8 und 10 bis12)

Die Feier wegen der Auferstehung des armen Mannes von Nazaret steht unmittelbar bevor: „Christus ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!” Aber wie’s scheint, dreht sich weltweit mehr um die „Beförderung” eines vor zwei Jahren gestorbenen Mannes.

Gemessen an der strengen religiösen Rangordnung der römisch-katholischen Kirche ist jedes Gehabe weltlicher Klassengesellschaften wie das Haschen nach Wind. Alles, was eitel ist an gemeinem Gewese, wirkt demütig neben der Hierarchie des Vatikans.

Sie bestimmt, wer Gottes Wohlgefallen erlangt. Sie legt fest, was richtig ist und was falsch. Sie promoviert oder degradiert. Sie sagt „Ja” oder „Nein”. Sie ist oben, alles andere ist unten.

Und das endet nicht mit dem Tod. Im Gegenteil. Dann stehen neben den Stufen zu Lebzeiten: ungetauft, getauft, Kind, Erwachsener, Laie, Priester, Bischof, Kardinal, Papst, die noch höheren Weihen der Beatifikation und der Kanonisation – der Selig- und der Heiligsprechung – zur Debatte.

Das kann Jesus Christus nicht gemeint haben, als er – geht es nach Matthäus – zum Fischer Simon Petrus sagte: „Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen. Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein, und alles, was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel gelöst sein.”

Ob jemand selig oder heilig gesprochen wird, und falls ja, wann, das legen – ganz irdisch – alte Männer fest, die zuvor, wie Menschen in anderen Berufen, eine Karriereleiter hinter sich gebracht haben. Deren Sprossen sind von Rivalen genauso angesägt oder mit Nägeln gespickt worden, wie in anderen Metiers auch.

Hübsch, kurz vor Ostern in einem Fernsehbeitrag über den Kurienkardinal Josef Ratzinger, von einem ehemaligen Kollegen zu erfahren, der „Professor Ratzinger” sei von anderen Hochschullehrern – die damals Priester sein mussten – an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn „quasi weggemobbt” worden.

Priester sind eben auch „nur” Menschen. Die Auswahl, die sie treffen, wenn es darum geht, Menschen zu befördern, ist menschlich. Nicht göttlich! Was daraus erhellt, dass der spanische Faschistenfreund und Gründer des „Opus Die”, Josemaría Escrivá de Balaguer y Albás (1902-1975), durch Papst Johannes Paul II. im Jahre 1992 selig und 2002 heilig gesprochen wurde.

Auf die Beatifikation des „guten Papstes” Johannes XXIII. (1881-1963) dagegen mussten dessen Freunde – auch unter Nicht-Katholiken – überall auf der Welt geschlagene 37 Jahre warten. Seine Kanonisation wird vermutlich am Sankt Nimmerleinstag stattfinden.

Dafür steht jetzt – zwei Jahre(!) nach seinem Tod – die Seligsprechung von Johannes Paul II. an. Das Verfahren dafür hat der derzeitige „Pontifex maximus” bereits am 13. Mai 2005 eingeleitet. Obwohl das eigentlich erst fünf Jahre nach dem Tod des Betreffenden sein darf.

Immerhin: Eine Nonne, die nach seinem „Dahinscheiden” durch ihn von ihrem Parkinson-Leiden geheilt worden ist – was Voraussetzung dafür ist, einen Menschen selig zu sprechen – ist gefunden worden.

„Die Heiligen sind die wahren Lichtträger der Geschichte, weil sie Menschen des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe sind”, teilt Papst Benedikt XVI. – ehedem Josef Ratzinger – dem Präfekten der „Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse” mit. Hat es damit beim Versöhner Angelo Giuseppe Roncalli, der als Johannes XXIII. verehrt wird, gehapert?

Dieser „Heilige Vater” – der auf eine diesbezügliche Frage: „Ich bin zwar jetzt unfehlbar, gedenke aber nicht, davon Gebrauch zu machen” antwortete – hätte sicher versucht, Gabriele von Lutzau davon zu überzeugen, dass das Vergeben eine Tugend ist und ein großer, ein köstlicher Gewinn. Ein Gewinn, der den Vergebenden stärkt. Ein Gewinn, der die Seele des Vergebenden erleichtert, sie hoch hebt und den ganzen Menschen froh macht.

Die Stewardess Gabriele von Lutzau war im Oktober 1977 eine der Geiseln an Bord der Lufthansa-Maschine „Landshut”. Palästinensische Terroristen hatten das Flugzeug gekapert, um unter anderem Gudrun Ensslin und Andreas Baader, Köpfe der terroristischen Rote Armee Fraktion (RAF), freizupressen.

Lutzau und die anderen Geiseln wurden fünf Tage gefangen gehalten. Sie standen in dieser Zeit, vor allem wegen der Unberechenbarkeit der Geiselnehmer, ständig Todesängste aus.

Deswegen wohl zeigt sich die heute als Bildhauerin arbeitende Frau im SZ-Magazin-Streitgespräch mit dem Intendanten des Berliner Ensembles, Claus Peymann, unversöhnlich.

Peymann hat dem seit 1982 inhaftierten RAF-Mann Christian Klar (*1952), für den Fall eines Freigangs oder seiner endgültigen Freilassung auf Bewährung, ein Praktikum an der von ihm geleiteten Bühne angeboten. Er äußert überdies Verständnis für Klars Motive. Nicht indes für dessen Taten! (Klar war an der Ermordung von neun Menschen zumindest beteiligt.)

Anders als den unappetitlichen Dem-Pöbel-nach-dem-Maul-Schwätzer Roland Koch, CDU-Ministerpräsident von Hessen, der gestern Abend im ZDF zum nämlichen Thema einen seiner ekligen Auftritte hatte, treibt das 30 Jahre zurückliegende Geschehen Gabriele von Lutzau deutlich spürbar heute noch um.

Mag sein, dass sie sich deshalb – neben der aus ihrer Sicht verständlichen Forderung, die Täter von damals drakonisch bis zum bitteren Ende büßen zu lassen – zu politischen Bewertungen hinreißen lässt, die so klingen, als sollte Klar auch dafür, dass er das „westliche System” nach wie vor für bekämpfenswert hält, bestraft werden.

Das könnte den Clerikal Demagogischen Untoten und ihren bayerischen Brüdern so passen. Die schwarze Gang hat lange genug mit dem Glauben politisches Schindluder getrieben.

Anders als die, sollten Christen sich so verhalten, wie es der Apostel Paulus von der Gemeinde in Kolossai erwartete: „ …. vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!”


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