19. April 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Karlsruhe befindet: Drängeln ist Gewalt”

(die tageszeitung 18. April 2007)

„Ihr aber habt dem Armen Unehre angetan. Sind es nicht die Reichen, die Gewalt gegen euch üben und euch vor Gericht ziehen? Verlästern sie nicht den guten Namen, der über euch genannt ist? Wenn ihr das königliche Gesetz erfüllt nach der Schrift: «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», so tut ihr recht; wenn ihr aber die Person anseht, tut ihr Sünde und werdet überführt vom Gesetz als Übertreter. Denn wenn jemand das ganze Gesetz hält und sündigt gegen ein einziges Gebot, der ist am ganzen Gesetz schuldig.”

(Brief von Jakobus, dem Gerechten, Kapitel 2, Verse 6 bis 10)

Wettbewerb. Sie nennen es Wettbewerb . Tatsächlich ist jedoch nie die Rede vom tänzelnden Werben um die Gunst von Menschen, wenn Bosse und ihre Handlanger, Politiker und deren journalistischen und sonstigen Schützenhelfer von Wettbewerb faseln.

Es geht um Wettkampf. Wobei die Betonung auf Kampf liegt. „Kampf” wie „Gewalt”. Da gibt es nichts Spielerisches. Da heißt es „Ich” oder „Du”; „Wir” oder „Die”. Das Leben sei eben „ein Kampf”. Da habe das „Ich” und „Du”, das „Wir” und „Die” keinen Platz. Denn das bedeute Stillstand. Und Stillstand sei Rückschritt.

Keinem von denen, die solche Verblasenheiten durch den Äther tuten, um ihr gewalttätiges Tun zu rechtfertigen, ist jemals aufgefallen, dass sie die Menschheit damit in die Anfänge des Menschseins zurück katapultiert haben. Und es weiterhin tun.

Die Propaganda für das, was als „Sozialdarwinismus” bezeichnet wird, lehrt im Grunde das, was der als Heidedichter bekannt gewordene Hermann Löns (1866-1914) gereimt haben soll: „Ein Lump der Mann, der sich nicht wehren kann. Not lehrt das Gebot – sla dot, sla dot.”

Das ist das Gebot nach dem die „Krone der Schöpfung” – der mit „Vernunft begabte Mensch” – seine Erdentage ausrichtet. Und schlau – nicht etwa klug – wie er ist, hat sich Homo sapiens dazu eine wissenschaftliche Lehre gezimmert.

So ging der britische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer (1820-1903) davon aus, menschliche Gesellschaften unterlägen, wie biologische Arten, einem Entwicklungsprozess.

Darin führe Erfolg und Überleben der Stärksten einer Generation – er nannte das „survival of the fittest” – dazu, die Gruppe ständig zu verbessern. „Den Stärksten” verstand er sowohl im direkten Sinne als auch im Sinne von kultureller Überlegenheit.

Das läuft auf die vom Volksmund rhetorisch gestellte Frage hinaus: „Weshalb ist des Teufels Großmutter erschlagen worden?” Antwort: „Weil ihr keine Ausrede mehr eingefallen ist.”

Der „gesellschaftstheoretische” Sozialdarwinismus und der „biologische” Darwinismus haben im Grunde nichts miteinander zu tun. Obwohl sich Charles Darwin (1809-1892) nie öffentlich gegen die Bezeichnung „Sozialdarwinismus” gewendet hat.

„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt.” Ebenfalls eine der Hohlköpfigkeiten, mit denen von der Niedertracht und der Brutalität derer abgelenkt werden soll, die den Globus beherrschten und beherrschen. Sie soll signalisieren: „Ihr seid auch nicht besser als wir, die wir gegen alles verstoßen, wozu wir uns in Sonntagsreden bekennen und verpflichten.”

Größer, schneller, reicher, mächtiger. Die Leitbilder des „christlichen Abendlandes” haben genauso wenig – eigentlich gar nichts – mit den Leitsätzen des armen Mannes von Nazaret zu tun, wie mit denen des anderen Teils der Menschheit.

„Hau druff” und „mach hinne” findet sich in keiner öffentlich vertretenen Religion oder sonstigen Weltanschauung. Sie sind allerdings der ungeschriebene Religionsersatz derer, die sie „global” in die Tat umsetzen. „Globalisierung” und „freie Marktwirtschaft” sind die Fortsetzung des Faustrechts mit anderen Mitteln.

Die Leithammel dieser Form des Imperialismus’ existieren im „Kampf ums Dasein” – wie sie das Recht der Stärkeren nennen – durch drängeln, drängen, drücken, drohen. Mobbing, Brutalität und Intrige sind für sie das, was für Fische das Wasser und Landtiere die Luft ist.

Drei Viertel der Zeit, die sie als Arbeitzeit ausgeben, verwenden sie darauf, Infamien zu ersinnen oder abzuwehren. Keiner von denen hat sich, wie an ihren Särgen behauptet wird, an der Sorge ums „Gemeinwohl”, um „die Firma”, um die „Organisation” aufgerieben. Sie verkümmern an seelischer Armut.

An jedem Tag, den der Schöpfer werden lässt, lesen, sehen und hören Frieda Kritzekratze und Paul Gurke indessen, sie müssten frech sein, sonst kämen sie „auch sonst” nicht weiter. Und: Wer seine Ellenbogen nicht einsetzen könne oder wolle, sei ein „loser”, ein Verlierer. Wer nicht mitmache, handele „unprofessionell”.

Das ist die Philosophie, die während der Nazizeit (1937) in dem Hans-Albers- und Heinz-Rühmann-Film „Der Mann der Sherlock Holmes war” in dem Gassenhauer „Jawoll, meine Herrn” seinen heute noch gültigen Ausdruck fand:

Rühmann: „Wer hinterm Ofen sitzt und die Zeit wenig nützt schont zwar seine Kraft, aber wird auch nichts erreichen.“ Albers: „Wer aber nicht viel fragt und geht los unverzagt, für den gibt’s kein Fragezeichen und dergleichen bis er’s schafft. Jawohl meine Herrn, so haben wir es gern, von heut an gehört uns die Welt.“ Rühmann: „Jawohl, meine Herrn, die Sorgen sind fern, wir tun was uns gefällt. Und wer uns stört ist eh er’s noch begreift…“ Albers: „…längst von uns schon eingeseift. Jawohl meine Herrn…“ Beide: „…darauf können Sie schwörn, jawohl, jawohl, jawohl.“

Und da soll „’n bisschen drängeln” im Straßenverkehr verkehrt sein? Eine Straftat gar? So ist es.

„Drängelnde Autofahrer können wegen Nötigung verurteilt werden. Dies hat gestern eine Kammer des Bundesverfassungsgerichts entschieden. Das dichte Auffahren kann selbst bei geringen Geschwindigkeiten in der Stadt als ‘Gewalt’ bewertet werden.” Das meldeten gestern, wie die „taz”, auch alle anderen deutschen Medien.

Erstaunlich ist, dass sich dazu das deutsche Autofahrer-Pendant zur US-amerikanischen „National Rifle Association” (NRA) – dem Zusammenschluss von Waffenfetischisten, Waffenproduzenten und Waffenhändlern –, der ADAC, noch nicht zu Wort gemeldet hat.

Bizarr ist es übrigens, sich darüber zu ereifern, dass in den USA jeder Volltrottel eine Waffe besitzen, bei sich tragen und im Prinzip sogar benutzen darf. Und es gleichzeitig für „völlig selbstverständlich” zu halten, dass hier jeder Volltrottel so viele Autos besitzen und damit im Prinzip fahren darf, wie er will: „Geschwindigkeitsbegrenzung ist Freiheitsberaubung!”

Wie gut, wenn ein Mensch, von sich sagen kann: „ … sie haben mich oft bedrängt von meiner Jugend auf; aber sie haben mich nicht überwältigt”, wie es im 129. Psalm heißt.


Eine Reaktion zu “„Karlsruhe befindet: Drängeln ist Gewalt””

  1. Thomas Pernes

    Lieber Hanjo,
    Dein Artikel “Drängeln ist Gewalt” spricht mir aus der Seele.
    Thomas Pernes, Komponist

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