23. April 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Ein jeder folgt seiner privaten Chaostheorie”

(Süddeutsche Zeitung 23. April 2007)

„Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib. Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt. Darum prangen sie in Hoffart und hüllen sich in Frevel. Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst, sie tun, was ihnen einfällt. Sie achten alles für nichts und reden böse, sie reden und lästern hoch her. Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden. Darum fällt ihnen der Pöbel zu und läuft ihnen zu in Haufen wie Wasser. Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen? Wie sollte der Höchste etwas merken? Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.”

(Psalm 73, Verse 4 bis 12)

Der eine zieht die Konsequenz und ertränkt sich in der Elbe, der wählt CSU, der tut im Grund dasselbe. Es muss mit der Bildungs- und Schulpolitik und deren daraus erwachsenem Wesen zu tun haben, dass die Clerikal Denunziatorischen Untoten im sogenannten Freistaat seit 1946 fast ununterbrochen das Sagen haben. Nur von 1950 bis 1954 regierte ein Sozialdemokrat das Bergbauernvolk.

Zwischen 1848 und 1864 hielt der Sohn Ludwig I., Maximilian II. Joseph (1811-1864), das Szepter in der Hand. Es muss damit zu tun gehabt haben, dass der Mann mit Marie Friederike von Preußen verheiratet war: Er förderte die Wissenschaften und die Künste nach allen ihm zu Gebote stehenden Kräften.

Er holte Handwerker aus ganz Deutschland nach Bayern und berief berühmte Professoren – die sogenannten Nordlichter –, was den Ruf Münchens als Universitätsstadt einerseits aufs angenehmste festigte. Andererseits Ängste bei bajuwarischen Engstirnern hervorrief. Denn – die meisten der Berufenen waren Protestanten und liberal gesonnen.

Von 1854 an diskutierte Max Zwo wöchentlich mit der geistigen Elite Münchens – unter anderem mit Justus von Liebig – über Themen aus vielen Bereichen der Wissenschaft und der Kunst.

Er machte nie ein Hehl daraus, dass die lebhaften Streitgespräche seinen Kopf stets weiter und die Anwesenheit der Zugereisten, das Land reicher gemacht haben.

Nebenbei bemerkt: Schon Karl IV. Theodor, Kurfürst von der Pfalz – und als Karl II. Theodor von Bayern – (1724-1799) wusste, was er an einem Ausländer in bayerischen Diensten hatte. Auch er hat mit seiner Anerkennung und Dankbarkeit nie hintern Berg gehalten.

Er machte den in Amerika geborenen Briten Sir Benjamin Thompson, Reichsgraf von Rumford (1753-1814), Offizier, Politiker, Experimentalphysiker und Erfinder, zum zeitweilig einflussreichsten Mann in „seinem” Lande. Ohne Rumford wäre Bayern ein rückständiges und asoziales Fürstentum geblieben.

Im Prinzip läuft das heutzutage nicht anders. Jahrzehntelang – bis 1989/1992 – hat sich der heutige Protzenstaat Bayern nach dem zweiten Weltkrieg durch den Länderfinanzausgleich über Wasser gehalten.

Um allerdings nun, da der „Freistaat” durch Eingewanderte aus aller Herren Länder reich geworden ist, anderen genau diese Hilfe zu verweigern. Und alles, was an geldlichem und geistigem Vermögen da ist, als von den Scheinheiligkeiten der Clerikalen erwirtschaftet, auszugeben.

Nicht genug damit – als Berater beschäftigt der noch(!) herrschende, aus Licht gestaltete Diktokrat Edmund Stoiber, den Würstchen produzierenden Ex-Fußballer und Manager des Sportvereins FC Bayern, Ulrich Hoeneß aus Ulm.

Ein Großmaul ohnegleichen. Ein Christenberater, der vom Frontmann der Band „Tote Hosen”, Campino, sagte: „Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird.“ Nur, weil Campino ihn einen „Wurstmann” genannt hatte.

Umwerfend zu erleben, wie das Bundesland mit der Erbhofpartei und der Bundesligaverein sich bedingen. Jeweils ein Stammler – Edmund Stoiber (*1941) und Franz Beckenbauer (*1945) steht ihnen vor.

Fürs Grobe setzen die Führer zwei sich verblüffend ähnlich aufführende Figuren ein, die in ihrer gnadenlos brutalen Grobschlächtigkeit nicht zu übertreffen sind: Markus Söder (*1967) und – eben! – „Uli” Hoeneß (*1952).

Die wissen nichts, können aber alles erklären. Vor allem, wenn klar wird, dass in ihren Läden (den beiden Bayern AGs), einiges schief gelaufen ist und im Argen liegt. Sie trifft daran nie eine noch so geringe Schuld. Und ihre zombiösen Bosse gleich dreimal nicht.

Kein Splitter im Auge eines Nächsten ist diesem infernalischen Quartett zu klein, als dass es ihn nicht entdeckte. Kein Knüppel zu winzig, als dass es nicht versuchte, ihn anderen zwischen die Beine zu werfen. Was bemerkenswert ist bei den Balken in den eigenen Augen, die den Herrschaften eigentlich jede Sicht versperren müssten.

Im „Spiegel” hieß es schon im vorigen Jahr: „Söder will Arbeitslose zu Leibeigenen machen”. Diese Art des Umgangs muss sich der politische Blutgrätscher beim blutgrätschenden Führungsoffizier Hoeneß abgeguckt haben. Für den sind die Kicker und Coaches des Vereins, der sich FC Bayern nennt und kaum Bayern einsetzt, offenbar schon lange Menschenmaterial, mit dem nach Belieben umgesprungen werden darf. Dreck?

Jetzt hat der Flammenwerfer seines Herrn erneut zugeschlagen: „Der CSU-Generalsekretär Markus Söder verlangt eine Verringerung der Zusatzleistungen von Hartz IV. Gleichzeitig sprach er sich gegen die Einführung eines Mindestlohns aus”, meldete sueddeutsche.de am 21. April. Ein wahrer Christenmensch, der stets dabei ist, wenn es gilt, um sich zu schlagen oder wehrlosen Bedürftigen in die Taschen zu greifen.

Etwas anderes ist dem Nürnberger wohl nicht eingefallen, um von den Misshelligkeiten, die „seiner” Partei und ihrem Alleinherrscher sowie den möglichen Erben in jüngster Zeit ständig widerfahren, abzulenken.

Bleibt abzuwarten, was den Herren Beckenbauer – in Fachkreisen „Seine einmalige Überschätztheit” genannt – und Hoeneß in den Sinn kommen wird, um darzustellen, dass den „deutschen Rekordmeister” – der schon immer mehr Glück hatte als Verstand– keine Schuld trifft an seinem miserablen Spiel.

Hübsch wäre es zu hören, das Versagen habe seine Ursache in einer aus Dickbramsigkeit, Prahlsucht und Blasiertheit, in Kombination mit schwerer Übersättigung einhergehenden Infektion, die sich der ganze Verein unverschuldet durch den Kontakt mit den bayerischen Parteichristen zugezogen habe.

Da hülfe dann beiden Seiten nur, den 69. Psalm zu beten: „Gott, hilf mir! Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle. Ich versinke in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist; ich bin in tiefe Wasser geraten, und die Flut will mich ersäufen.”


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