„Kommunalwahl ohne Wähler”
(FR-online.de 23. April 2007 16.44 Uhr)
„Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.”
(Der erste Brief des Petrus, Kapitel 5, Verse 2 bis 4)
Armut im Allgemeinen und Kinderarmut im Besonderen sind Themen, die den Controllern und Betriebswirten, die sich heute Journalisten nennen, lästig sind. Es sei denn, sie finden in Asien, Afrika oder Südamerika statt. Das hat was Exotisches. Vor allem: Die Armen dort können nicht dazu auffordern, nicht nur krokodilsvertränte Leitartikel zu verfassen, sondern am Thema dran zu bleiben. Hand anzulegen.
Solche Themen handfest anzupacken, hieße, es sich unter Umständen mit jenen zu verderben, die ihre Finger in den Büchern haben, die die Namen derer enthalten, die befördert werden sollen. Entweder „ans Freie” oder nach oben. Dorthin, wo die sitzen, die ihre Daumen überall drauf haben.
Seltsam, dass gerade den Laufbahn-Egonomen ein Witz gefällt, der sie meint: An einer Hühnerleiter drängt sich das Federvieh. Auf den unteren Sprossen. Auf der obersten Sprosse jedoch sitzt ein Schwein. Sagt ein Huhn zum anderen: „Kannst du mir erklären, wie ich da rauf komme, ohne ein Schwein zu sein?“ Verdrängerinnen und Verdränger. In des Wortes doppeltem Sinn.
Oberstes Gebot in deren „Kosten:Nutzen-Rechnung” ist nach wie vor der Satz eines über den Tod hinaus beliebten Nachrichten-Ansagers des öffentlich geknechteten Fernsehens: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.”
Ginge es wirklich nach dieser Faustregel des Hanns Joachim Friedrichs, dann wäre der Journalist und Romancier Emile Zola (1840-1902) – der den in Frankreich zu Unrecht auf die Teufelsinsel verbannten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus frei schrieb – ein erbärmlich schlechter Vertreter seines Standes gewesen.
Nein, nein, das Motto der Epigonen des steingesichtigen TV-Mannes ist die ausflüchtige Form der Erkenntnis einer ganz bestimmten Schicht in der Freien und Hansestadt Hamburg: „Wärr nix anfässt, kannix fallnlassn!”
Und das ist ebenfalls klar: Die Finger kann sich nur verbrennen, wer am heißen Herd oder an offenem Feuer arbeitet. Arbeitet!
Unterkühlte Feststellungen wie „Die Kinderarmut in Deutschland wächst” mit der Unterzeile „Trotz guter Konjunktur steigt die Zahl der Hilfsempfänger / Höchste Zunahme in Baden-Württemberg und Bayern” zu versehen, wie heute in der „Süddeutschen Zeitung” geschehen, lässt sensible Naturen spüren, dass die elendige Sache selbst, die Verfasserin oder den Verfasser nicht berührt. Schon morgen wird die bekannte „andere Sau durchs Dorf getrieben” werden.
Heute aber wissen wir: „Nach einer Erhebung des Bremer Instituts für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe (BIAJ) lebt … fast jedes sechste Kind in Deutschland von Sozialhilfe. Demnach gehörten 2006 durchschnittlich 1,89 Millionen Kinder unter 15 Jahren zu Hartz-IV-Bedarfsgemeinschaften.”
Berührend zu erfahren, dass die Zahl der Ärmsten in den reichsten Bundesländern am stärksten gestiegen ist. Und, dass: „Familien mit Kindern … offensichtlich ein höheres Risiko (tragen)”, wie Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtverbandes, der „Thüringischen Allgemeinen” erklärte.
Meine niemand, im „boomenden” Deutschland kümmerte sich, außer den Redakteurinnen und Redakteuren von Obdachlosen-Magazinen, eine „Edel-Feder” an einem der edlen Blätter um das Schicksal derer, die – meistens ohne eigene Schuld – am Boden liegen oder nur mit äußerster Mühe über die Runde kommen.
Die Herrschaften, die sich mit nichts gemein machen – sprich: die sich die Finger nicht schmutzig machen wollen – beim schnieken Fernsehen und die bei den auflagenstarken Gazetten, wissen, „kümmern” heißt, den Kummer eines anderen Menschen zu teilen. Ihm zu helfen, seine Last zu schultern. Das aber ist nicht ihre „Sache”.
Ihre Sache ist, über Angelegenheiten zu palavern, von denen sie nicht viel mehr wissen, als die von ihnen geschmähten deutschen Stammtische. Sie leben eben auch nur von den Informationsbrosamen, die von den Tischen der Herrschenden fallen. Richtiger: die die Herrschenden fallen lassen. Um sie auf falsche Fährten zu locken.
Dieselben Mitglieder der Journaille, die sich zu fein dünken, um in die Niederungen des „gemeinen Volkes” hinab zu steigen, genau diese Freizeit-Reporter und Redaktionsbosse – die dort sitzen, wo sie (wirtschafts)politisch günstig stehen – tun, als grübelten sie darüber, weshalb am Sonntag die Leute in Sachsen-Anhalt den Wahlurnen fern geblieben sind.
Nur das Engagement Einzelner sichere die Demokratie, singen sie unisono und Arm in Arm mit den verschmähten – von gerade einem guten Drittel(!) des Wahlvolks gewählten – Politikastern. Wenn das nicht frech ist, was ist denn dann frech?
Die einen rührt das Elend Vieler so wenig, wie eine Kuh das Walzertanzen. Und die anderen scheren sich einen Dreck um das, was Wählerinnen und Wähler bedrückt. Nicht nur in Hamburg haben sie die Ergebnisse von Volksabstimmungen, die ihnen nicht in den Kram passten, ohne zu zögern, in den Papierkorb geschmissen.
Wenn das Volk das Vertrauen der Regierenden in Stadt und Land und das der staatstragenden Organe der Publizistik verspielt hat, dann sollten sich Politiker und Presseleute zusammentun, das Volk auflösen und ein anderes wählen. So hat es Bertolt Brecht zwar nicht formuliert, aber soweit sind die Deutschen gekommen.
Da hilft dem Volk nur eines – den 39. Psalm zu beten: „Nun, Herr, wessen soll ich mich trösten? Ich hoffe auf dich. Errette mich aus aller meiner Sünde und lass mich nicht den Narren zum Spott werden. Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun; denn du hast es getan. Wende deine Plage von mir; ich vergehe, weil deine Hand nach mir greift. Wenn du den Menschen züchtigst um der Sünde willen, so verzehrst du seine Schönheit wie Motten ein Kleid. Wie gar nichts sind doch alle Menschen. SELA. Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter. Lass ab von mir, dass ich mich erquicke, ehe ich dahinfahre und nicht mehr bin.”