„Papst führt ‚Cicero’-Intellektuellenliste an”
(Cicero Pressemitteilung 24. April 2007)
„Ich sage abermals: niemand halte mich für töricht; wenn aber doch, so nehmt mich an als einen Törichten, damit auch ich mich ein wenig rühme. Was ich jetzt rede, das rede ich nicht dem Herrn gemäß, sondern wie in Torheit, weil wir so ins Rühmen gekommen sind. Da viele sich rühmen nach dem Fleisch, will ich mich auch rühmen. Denn ihr ertragt gerne die Narren, ihr, die ihr klug seid! Ihr ertragt es, wenn euch jemand knechtet, wenn euch jemand ausnützt, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn euch jemand erniedrigt, wenn euch jemand ins Gesicht schlägt. Zu meiner Schande muss ich sagen, dazu waren wir zu schwach! Wo einer kühn ist – ich rede in Torheit –, da bin ich auch kühn.”
(Der zweite Brief Pauli an die Christen in Korinth, Kapitel 11, Verse 16 bis 21)
Seit mindestens tausend Jahren sind nur den hochbemützten, berockten Herren im und um den Vatikan herum wirklich gute (?!) – auf jeden Fall durchschlagend wirksame Gags und Aktionen in Sachen Human Relations und Public Relations eingefallen.
Lexikon-Lehrer erklären, Human Relations seien „Ausdruck für die Gestaltung, Pflege und Förderung zwischenmenschlicher Beziehungen in Organisationen, insbesondere in Unternehmen und Verwaltungen”. Dort, wo Menschen zusammenarbeiten, zusammentreffen, entstünden „soziale Gebilde mit sozialen Prozessen”.
Solche Sozialgespinste taugen ohne Public Relations einen feuchten Kehricht. PR sind im Deutsch der Lexikon-Sprachdrechsler „das Bemühen (von Firmen, Vereinen oder Einzelpersonen; Anmerkung von hjs) um öffentliches Vertrauen”. Bündig: „Die PR sollen ein möglichst positives Bild (Image) des Auftraggebers vermitteln”.
Die Wörter kommen aus den Vereinigten Staaten von Amerika, die Methoden eindeutig von der katholischen Kirche. Respekt, Respekt.
An der römischen Kirche orientieren sich alle. Bis hin zu den mediokren Berichterstattern, die aus Küchen Kathedralen und aus Köchen Päpste machten und machen.
Niemand weiß besser als die gut knöchellang in schwarze, violette oder purpurne Gewänder gehüllten alten Männer: Klappern gehört zum Handwerk!
Sie ziehen die Aufmärsche zu Ehren ihres Vordermannes stets so auf, dass kein Auge trocken, keine Mattscheibe davon unberührt, kein Druckerzeugnis daran unbeteiligt bleibt. Toll.
Denn: Selbst, wenn die Gefolgschaft zu Hunderttausenden still und ergeben oder verzückt und jubelnd in Reih und Glied oder Spalier steht, kommen noch nicht einmal Lästermäuler auf den Gedanken, von Personenkult, Größenwahn oder Götzenanbetung zu sprechen.
Mit den Auftritten des Oberhauptes der absoluten Monarchie Staat Vatikanstadt im vorigen und diesem Jahr ist den greisen Herren und ihren jugendlich wirkenden, geweihten Helfern ein Coup gelungen, der in jedes PR-Lehrbuch einfließen muss:
Joseph Alois Ratzinger (*1927), der sich seit seiner Wahl zum Papst am 19. April 2005, Benedikt XVI. nennt, steht auf der „Liste der 500” („führenden Intellektuellen Deutschlands”) des Magazins „Cicero” an erster(!) Stelle.
Ein auf Dogmen beharrender Mensch, der für sich unter anderem in Anspruch nimmt, in Fragen des Glaubens und der Lehre „unfehlbar” zu sein, ein Intellektueller?
Ein Mann, der vor Jahren, als Erzbischof von München und Freising verlautbarte, wenn ein auf den Zölibat verpflichteter katholischer Priester einer Frau ein Kind gemacht habe, dann trage die Frau daran „die alleinige Schuld”.
Ein Bayer, der, als er noch Chef der Glaubenskongregation war – die einst als „Heilige Inquisition” Angst und Schrecken verbreitete –, jeden zweifelnden, jeden nachdenklichen, jeden vom dogmatisch festgelegten Kurs abweichenden Priester mit mittelalterlicher Strenge und Brutalität „bestrafen”, aus dem Amt entfernen oder sonst wie maßregeln ließ, der soll Deutschlands Erster Intellektueller sein?
Ausgeschlossen: Intellektualität und Dogmatismus schließen einander aus! Ein intellektueller Mensch ist eben nicht allein intelligent. Intelligent ist der „Nachfolger” des Jüngers, der Jesus dreimal verleugnete bevor der Hahn einmal krähte, natürlich. Aber ein weiser, selbstkritischer, positiv Zweifelnder genau so sicher nicht.
Als intellektuell gelten Menschen, die sich unter anderem in öffentlich ausgetragenen Streit und in Wortwechsel einmischen. Und die dabei kritisch oder bestätigend Stellung beziehen. Die nachfragen, analysieren, kritisieren – und zwar nicht nur die Gedanken, Worte und Taten anderer, sondern auch das, was sie gedacht, gesagt oder geschrieben und getan haben. Intellektuelle sind nicht an einen politischen oder moralischen Standort gebunden.
Wenn dem so ist, wie kommt dann Joseph Ratzinger – dem doch erkennbar bei aller Intelligenz einige Voraussetzungen zum Intellektuellen fehlen – überhaupt auf die „Liste der 500”?
Das ist schnell erklärt. Weil „die Cicero-Intellektuellenliste … Wirkmacht und Präsenz der Akteure wider (spiegelt); sie bildet öffentliche Deutungsmacht ab, misst aber keine inhaltliche Qualität. Die Erhebung basiert auf der Präsenz in den 160 wichtigsten deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften. … Zudem werden Zitationen im Internet und Querverweise im Munzinger-Referenzarchiv ermittelt.” Wie der Verlag das erstaunte Publikum wissen lässt.
Wodurch sich die Spitzenposition des Mannes aus Marktl am Inn relativiert. Wie auch durch die Tatsache, dass Leute, die von Berufs wegen regelmäßig auf dem Bildschirm auftauchen, ebenfalls in die Reihe der Intellektuellen eingeordnet werden.
Dazu zählt der Mitternachtskomödiant Harald Schmidt, der sich auf Platz Vier findet. Gleich hinter Martin Walser und Günter Grass.
Deren Werk übrigens von der ehedem Viertplatzierten – jetzt auf Position Acht stehenden – Elke Heidenreich im selben Heft als „eine ganz ekelhafte Altmännerliteratur” verworfen wird.
So geht es, wenn Menschen, ohne eignes Zutun, einfach nur durch überbordende Presse-, Radio- und TV-Präsenz – Heidenreich zum Beispiel als schnoddernde Wanne-Eickler Metzgersgemahlin Else Stratmann – zu Intellektuellen mutieren.
Auf diese Weise sind auch Frank Schirrmacher, Hans Olaf Henkel, Stefan Aust, Roger Willemsen, Ulrich Wickert, Hans Werner Sinn, Guido Knopp, Norbert Walter, Helmut Markwort, Peter Hahne, Benjamin Stuckrad-Barre, Arnulf Baring und Wolfgang Franz unter die ersten Achtzig der Fünfhundert geraten.
Wer sich vor Neid schützen will, der erinnert sich an den sechzehnten Spruch Salomos: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall. Besser niedrig sein mit den Demütigen, als Beute austeilen mit den Hoffärtigen.”