26. April 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Sex und Gesetz”

(die tageszeitung 26. April 2007)

„Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Glas mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit Salböl. Als aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin. ... Und (Jesus) .. wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel Liebe gezeigt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig.”

(Das Evangelium nach Lukas, Kapitel 7, Verse 37 bis 39 und 44 bis 47)

So viele Frisiersalons und Arztpraxen wird es nie geben, wie es sie – ausgestattet mit riesigen Warteräumen – geben müsste, um zu erklären, wie die Auflagen bestimmter Produkte der Papier verarbeitenden Industrie zustande kommen. Denn: „Blöd”, „Grau an der Spüle”, „Ballaballa”, „Bumms-Tee“, um nur einige herauszugreifen, kauft und liest kaum ein Mensch in Deutschland.

Wer durch seine Rede unter Beweis stellt, dass er sie, trotz aller gegenteiligen Beteuerungen, zumindest „durchgeblättert” hat, erklärt auf der Stelle, das „beim Friseur” oder „beim Arzt” getan zu haben. Oder „im Flugzeug, da lagen die gratis aus”. So ergeben sich Höchstauflagen.

Wie die Quoten des Fernsehens von Dumpfbrütern für Dumpfbrüter – da unterscheidet sich das sogenannte öffentlich-rechtlich betriebene nicht nur nicht mehr vom Profit-TV, es übertrifft es oft bei weitem – wie also die Quoten für Tratsch & Talg, Tümelei & Trantüten, Tingel & Tangel entstehen, obwohl zur Sendezeit niemand die Kiste eingeschaltet haben will, ist ein Phänomen, das der Naturwissenschaft im Augenblick noch Rätsel aufgibt.

Es „hinterzieht” auch keine Menschenseele Steuern – schon gar keine Konzerne, Erben oder Shareholder. Falls überhaupt jemand „so was” tut, dann sind das „überbezahlte” deutsche Arbeiter und Angestellte. „Versicherungsbetrug” gibt es nicht in der Bundesrepublik. Davon können unzählige Prämienzahler ein trauriges Lied singen.

Wer jahrelang auf das ihm zustehende Geld von Assekuranz-Konzernen warten und dabei den steinigen Umweg über mehrere Gerichtsinstanzen nehmen muss, der spürt: Es geht nicht darum, ihn zu „betuppen”. Er geht auf der Suche nach seinem Recht nur den Rechtsweg.

Was von oben oder von oben herab kommt, das ist wohlgetan. Den Eindruck muss gewinnen, wer die deutsche Szene von außen betrachtet. Außer, dass sich deutsche Berichterstatter gelegentlich über den Amtschimmel mokieren oder dass sie Veranstalter aufs Korn nehmen, die alten Leuten nach „Kaffeefahrten” überteuerte Heizdecken andrehen, scheinen sie zu meinen, es sei fast alles „klah auffe Andrea Doria”.

Prostituierte jedoch, die sind ihnen ein Dorn im Auge. Jedenfalls dann, wenn sie „dienstlich” zugange sind. Dann stören „die Damen” das, was sie und ihre Gesinnungsgenossen in Politik und Kirchen, die öffentliche Ordnung nennen.

Womit vor allem die Ordnung gemeint ist, die sie brauchen, um nicht daran erinnert zu werden, wer die „Klienten” jener Frauen sind, die einem Beruf nachgehen, den es gibt, seit „die Krone der Schöpfung” sich „zivilisiert” hat.

Beim Umgang mit deren Gewerbe quillt aus ihnen fassbar gewordene tiefgelbe Heuchelei. Da zerreißen sie sich’s Maul, dass der Schaum nur so spritzt. Da empören sich gerade solche Bürgergattinnen, deren „Leistung” ausschließlich darin besteht, dass sie ihren Gemahlen gegen ein mehr oder minder hohes Taschengeld zu Willen sind. Da jazzen sich Frömmler hoch, die bei genauem Hinsehen besser stille wären in der Gemeinde.

Es läuft wie mit den Presseerzeugnissen, die kein Mensch kauft oder liest und den Fernseh-Schmonzetten, die niemand sieht: In Deutschland treiben 400 000 „Huren” hauptberuflich „gewerbliche Unzucht”; etwa gleich viele tun’s von Zeit zu Zeit „nebenberuflich”. Sie alle sind Tag für Tag (!) – das ist gesichert – mindestens eineinhalb Millionen „Freiern” zu Diensten.

Diese Frauen verdienen ihr Geld nicht dadurch, dass sie sich selbst befriedigen. Sie geben sich dafür ein bisschen hin und ein wenig her. Was, wie bei allem, das im Bereich des Sexuellen unter Erwachsenen aus freiem Willen „abgeht”, keinen anderen Menschen und schon gar keine Behörde etwas „angeht”.

Wer jedoch in der „taz” von heute in einem wohltuend sachlichen und kompetenten Artikel nachliest, was sich auf diesem Gebiet in Berlin in den Vierteln abspielt, in denen vorzugsweise Leute wohnen, die Freunde, Verwandte und Kollegen für weniger als dreißig Silberlinge ans Messer liefern würden, die ihre Gesinnung täglich im Wortsinn preisgeben und die gern dabei helfen, jedes Ding durchzuziehen, das ihnen Profit verheißt, dem sträuben sich die Nackenhaare.

Wie dort Politlilliputs und beamtete Korrumpels mit den Frauen und ihren Etablissements – die bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Schicken und die Schnieken dort Quartier nahmen, niemandes Zorn erregten oder „Moral” angriffen – umspringen und das „begründen”, das spottet jedem Begriff von Aufgeklärtheit. Dabei verweisen sie grinsend auf „das Gesetz”. Ein Gesetz, das seit Jahr und Tag nicht mehr angewendet worden ist. Das Schlimme daran ist – Berlin ist überall.

„Blamier mich nicht, mein schönes Kind und grüß‘ mich untern Linden. Wenn wir bei dir zuhause sind, dann wird sich alles finden.” Durchaus denkbar, dass die Liebediener in Büro- und Politokratie dabei helfen wollen, zu verhindern, dass die Liebesdienerinnen den „Freiern” – ihren Wählern und Hochsteuerzahlern (männlich) – unmittelbar vor deren eigener Haustür begegnen.

Das störte die Ruhe im gutbürgerlichen Lügengebäude. Die aber ist dem Bourgeois (männlich und weiblich) heilig. Hochheilig! Denn: „Der Spießer will seine Ruhe, damit er sich nach dem Tode nicht umgewöhnen muss.” Treffender, als es die Schauspielerin Christine Kaufmann einmal in einem privaten Gespräch formulierte, ist der Vorgang nicht zu beschreiben.

Dabei stünde es sowohl den Beamten als auch den Politikern und deren Nutznießern in den „besseren Vierteln” der Städte gut zu Gesicht, statt des ständigen Blicks in den Spiegel immer wieder mal einen in die Heilige Schrift zu werfen. Dort fänden sie im Evangelium nach Johannes einen Satz, den Jesus der Menge, die eine Ehebrecherin steinigen wollte, entgegenhielt: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.”


Einen Kommentar schreiben