„Früher war ich regelmäßig ‘Salonkommunist’, …
Kürzlich bin ich ‘Salonkatholik’ genannt worden.”
(Matthias Matussek in Cicero Nummer 5/2007)
„Im Hause des Weisen ist ein kostbarer Schatz an Öl; aber ein Tor vergeudet ihn. Wer der Gerechtigkeit und Güte nachjagt, der findet Leben und Ehre. Ein Weiser ersteigt die Stadt der Starken und stürzt ihre Macht, auf die sie sich verlässt. Wer Mund und Zunge bewahrt, der bewahrt sein Leben vor Not. Wer stolz und vermessen ist, heißt ein Spötter; er treibt frechen Übermut. Der Faule stirbt über seinem Wünschen; denn seine Hände wollen nichts tun. Den ganzen Tag begehrt die Gier; aber der Gerechte gibt und versagt nichts.”
(Die Sprüche Salomos, Kapitel 21, Verse 20 bis 26)
Ein Mensch, der seine Bildung und sein Wissen vor sich herträgt, wie ein Jahrmarktshändler seine Waren auf einem Brett vor seinem Bauch, der kann nicht viel im Kopf haben.
Künstler, einerlei von welcher Art, müssen selbstverständlich von sich meinen, sie seien zu Großem befähigt und damit die Größten, weil sie anders nicht groß würden und am Anfang ihrer Laufbahn nicht überleben könnten.
Peinlich ist, wenn kokelnd verglimmende menschliche Dochte unter denen, die als „Künstler” firmieren, sich vorkommen wie ganz große Lichter, Fackeln gar. Wenn also die Zerrbilder wirklicher Künstlerinnen und Künstler sich einbilden, sie seien wer, nur weil sie – dank des schlechten Geschmacks der „Caster” bei den deutschen Fernsehstationen – ständig auf der Mattscheibe aufscheinen.
Ärgerlich wird’s allerdings, wenn Leute, die es gerade eben schaffen über anderer Leuts Arbeit geschwollen daher zu reden oder mit da und dort Aufgeschnapptem herum zu prahlen, ihr großes Maul aufreißen. Und meinen, ausgerechnet sie seien im Besitz des Steins des Weisen. Lästig. Ärgerlich lästig.
Laut dem Handbuch „Psychiatrische Begutachtung“ von Ulrich Venzlaff und Klaus Foerster äußert sich Größenwahn so: „Die Stimmungslage ist gehoben, der Antrieb ist gesteigert, der Gedankenzustrom vermehrt.” Was nicht unbedingt etwas Schlechtes bedeuten muss.
Aber: „Diese Symptomatik führt in Verbindung mit einer kritiklosen Selbstüberschätzung fast regelhaft zu erheblich störenden, meist auch den Patienten nachhaltig schädigenden Verhaltensweisen.“
Und: Eine „ … dranghafte Umtriebigkeit” verleite „zum Herumreisen, rüpelhaftem Verhalten im Straßenverkehr, Konflikten in Geschäften, Gaststätten und Hotels, Kraftmeiereien, Beleidigungen …“
Der forensische Psychiater Norbert Leygraf aus Essen erklärt: Solche „Größenphantasien sind in der Wirtschaft üblich. Nur dann gilt man als erfolgreich.“ Der Mann kennt offenbar keine deutschen Feuilletonisten.
Er kann die „Kultur”-Seiten deutscher Zeitungen und Zeitschriften noch nie gelesen haben. Anders wüsste er: Größenwahn ist ein Teil des Berufsbildes, nicht etwa Kulturschaffender, sondern derer, die die Werke Kulturschaffender beschreiben und beurteilen.
All das, was sie nicht können, halten sie denen, die davon leben, dass sie es können, als Mangel vor. Das kommentiert der Volksmund bündig und zutreffend so: „Am ärgsten fällt der Größenwahn die kleinen Kreaturen an.”
Der Gründer, Verleger und Chefredakteur des „Spiegel”, Rudolf Augstein (1923-2002), soll noch kurz vor seinem Tod von diesem Wahn befallen worden sein. Wurde kolportiert. Auf die Frage, wie sich das äußere, kam die Antwort: „Er hält sich für Matthias Matussek!”
Diesem Großmogul – oder heißt‘s: diesem Großmaul? – des Feuilletons widmet das Magazin „Cicero” ein fünf Seiten langes Interview. In dem macht der Hans Schwampf in allen Gassen – der abgespeckt hat, um in TV-Talkschauen besser rüber zu kommen – auf possierlichste Weise deutlich, dass das französische „Feuilleton” im Deutschen nichts anderes als „Beiblättchen” bedeutet.
Matussek, Papist mit eigenem Unfehlbarkeitsgehabe, findet nichts dabei, zu bekennen, dass er sich ständig irgendeinen anderen Dummfug einfallen lässt, um im Gespräch zu bleiben. Ein Beiblättchen im lauen Wind.
Einst Kommunistendarsteller, macht er heut auf fromm. Mal ist er dies, dann ist er das. Immer druff uff de Werbetrommel, radibimmel, radibammel, radibommel.
Können kann er alles. Meint der leibhaftige Nachfahre des „Zigeunerbarons”: „ Ja, das Alles auf Ehr, / Das kann ich und noch mehr, / Wenn man’s kann ungefähr, / Ist’s nicht schwer – ist’s nicht schwer! – Ja, Changeur und Jongleur, / Prestidigitateur, / Wenn man’s kann ungefähr, / Ist’s nicht schwer – ist’s nicht schwer!”
Staunend hört’s Christine Eichel, die Interviewerin. Die Frau ist hart im Nehmen. Was sie allein dadurch beweist, dass sich im selben Heft ein ähnliches „Gespräch” findet, das sie mit der, Mister Tchibo Matussek immer ähnlicher werdenden Elke Heidenreich, geführt hat.
Die war einmal pfiffig, keck, unverdrossen, schnell, uneitel, geradeaus. Ausgerüstet mit dem, was blödsinnigerweise immer noch „Mannesmut vor Fürstenthronen” genannt wird. Die fragte nach, wenn ihr ein Ochsenfrosch dumm kam. Die ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen. Und war doch nicht hoffärtig. Im Gegenteil.
Das hat sich geändert. Das Fernsehen verändert eben nicht nur seine Konsumenten – nicht zum Guten. Es macht sie dumm. Seine meisten Macherinnen und Macher werden indes durch ihre Auftritte auch nicht klüger.
Sobald sie meinen, sie seien bedeutend, nur weil sogar Alzheimer-Kranke sie auf der Straße erkennen und sich ihr Schriftgut – einerlei von welcher Güte es ist – infolge ihrer Gesichtsbekanntheit verkauft wie geschnitten Brot, sind sie für wirklich gute öffentlich geführte Gespräche, für ehrliche und feurige Diskussionen verloren.
Mit dem Verlust der Unschuld, die sie hat groß werden lassen, kommt ihnen nur allzu oft die Demut – das ist Dienmut –, die besonders dann unabdingbar ist, wenn von den Ergebnissen geistigseelischer Arbeit anderer geredet wird, abhanden.
„Ex cathedra” mögen sich die Mitglieder der katholischen Kirche belehren lassen. Mündige Menschen haben dafür kein Verständnis, finden daran keinen Gefallen.
Heute buttert Frau Heidenreich andere unter. Heute wirft sie anderen „Selbstgefälligkeit und Eitelkeit” vor und bemerkt nicht, auf welch dünnem Eis sie sich dabei bewegt. Heute hebt oder senkt sie, wenn’s um andere geht, einen ihrer Daumen auf eine Weise, die zu manchem römischen Potentaten gepasst hätte.
Kunst- und damit auch Literaturkritik ist Gefühlssache. Texte auseinander zu nehmen, damit hat die Kritikerin Recht, sollte wirklich den Deutschlehrern überlassen bleiben, die Schülerinnen und Schülern „ex cathedra” die Freude an der Sprache, am Lesen und am Schreiben ausgetrieben haben.
Aber – nicht nur Kritiker haben Gefühle. Auch die Kritisierten haben welche. Es kann nicht schaden, sich an das zu erinnern, was Paulus, den Christen in Ephesus schrieb: „So ermahne ich euch nun, …, dass ihr der Berufung würdig lebt, mit der ihr berufen seid, in aller Demut und Sanftmut, in Geduld.”
Am 28. April 2007 um 21:48 Uhr
Senf will ich nicht dazugeben, Seissler ist angenehm scharf genug. Wenn ich die VIP Hamster in ihren Eitelkeits- und Ehrgeizmühlen strampeln sehe, denke ich, es wäre sinnvoll, diese Energie zur Heizung oder Beleuchtung sibirischer Altenheime zu nutzen. Schade auch, dass man die zur Erde fallenden nutzlos abgesonderten Wörter nicht auch irgendwie ausbeuten kann. Wie Sägemehl, als Verpackung. Ich habe heute alle Namen in meiner Tageszeitung gelb markiert, ich wollte sie zählen, fand es dann aber doch zu langweilig und zeitraubend. Es waren zigtausende. Und jeden Tag sind es wieder neue. Ich sehne mich nach Bazon Brocks uralter Idee: alle heissen nur noch Schulz.
Was ist mit dem eigentlich? Auch Hamster geworden?