30. April 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Man hat nichts zu befürchten,
wenn man gegen den
demokratischen Staat USA hetzt“

(Judith Hart in Cicero Nummer 5/2007)

„Hast du nun Verstand, so höre das und merke auf die Stimme meiner Reden! Kann denn regieren, wer das Recht hasset? Oder willst du den verdammen, der gerecht und allmächtig ist, der zum König sagt: «Du heilloser Mann» und zu den Fürsten: «Ihr Gottlosen», der nicht ansieht die Person der Fürsten und achtet den Vornehmen nicht mehr als den Armen? Denn sie sind alle seiner Hände Werk. Plötzlich müssen die Leute sterben und zu Mitternacht erschrecken und vergehen; die Mächtigen werden weggenommen ohne Menschenhand. Denn seine Augen sehen auf eines jeden Weg, und er schaut auf alle ihre Schritte.”

(Das Buch Hiob [Elihus zweite Rede], Kapitel 34, Verse 16 bis 21)

Manchmal kann das Lesen – und dadurch das Leben – schön sein. Richtig schön. Zum Beispiel dann, wenn die Lektüre aus einem Interview besteht, das Johannes Waechter mit Anjani Thomas und Leonard Cohen fürs „Süddeutsche Zeitung Magazin” geführt hat.

Bei diesem Gespräch, das keines der im BWL-Journalismus üblich gewordenen Verhöre ist (selbst dann nicht, wenn Waechter Fragen stellt), „verraten”, so heißt es im Vorspann, „der eigentlich sehr schwermütige Sänger und seine Freundin”, „wie man zusammen glücklich wird”. Wunderbar.

Vom 72-jährigen Cohen zu hören: „Es ist sehr angenehm, von jemandem, den man sehr lange kennt, noch überrascht zu werden” beschwingt. Von zwei Menschen, die von sich wissen, dass sie, jeder für sich, das sind, was schlichte Naturen „schwierig” nennen, zu erfahren, sie bildeten eine harmonische Einheit, lässt hoffen.

Es gibt den Blick auf eine rar gewordene Menschenart frei. Eine Sorte, die Ecken und Kanten, Licht und Schatten, Höhen und Tiefen aneinander akzeptiert. Sich sogar wünscht.

Endlich wieder einmal ein Gespräch unter Leuten, die sich dabei nicht pausenlos selbst bestäuben. Die in sich gehen können und bei aller Ernsthaftigkeit keineswegs ihren Humor und ihre Selbstironie verlieren oder den lebensnotwendigen Witz vergessen.

Zitat. Cohen: „Alle arbeiten an ihrer Beziehung, diskutieren ständig darüber, das kann sicherlich nur Kummer hervorrufen. Was wir beide haben, ist besser – es gibt kein Wort dafür.” Waechter: „Wie wäre es mit Liebe?” Cohen: „Besser als Liebe. Auch die Liebe ist in Verruf geraten.” … Waechter: „Und wie erreicht man diesen glückseligen Zustand? Bitte geben Sie uns einen Rat.” Cohen: „Gedächtnisschwund!” Anjani: „Mit Gedächtnisschwund und mit dem Willen zu vergeben kommt man schon sehr weit. Am weitesten aber kommt man mit Güte.” Ein Geschenk!

Der Gedanke an das wohltuende Auftreten des Gedächtnisschwundes ist dem DDR-Satiriker und Kabarettisten Peter Ensikat schon vor zwei Jahren gekommen. Damals betitelte er eines seiner Bücher: „Das schönste am Gedächtnis sind die Lücken”.

Dabei stellte Ensikat fest, die „Haltung” der Menschen sei nicht nur nach Ende der DDR „auffällig stereotyp” gewesen. Sie habe sich schon gezeigt als der erste und als der zweite Weltkrieg zu Ende gegangen waren. Es bedürfe wohl eines Gedächtnisschwundes, „um sich wieder einzurichten”.

Um zu dem erwünschten Schwund zu kommen, braucht ein Mensch Intelligenz, Gefühl und ein intaktes Geschichtsbewusstsein. Davon kann Judith Hart, Autorin des Beitrages „Der Böse ist immer der Ami” in der Mai-Ausgabe des Magazins „Cicero”, nicht allzu viel besitzen.

Jemand, der andere bezichtigt, zu hassen und zu hetzen und das damit begründet, „48 Prozent der Deutschen halten die USA für gefährlicher als Iran – nur 31 Prozent glauben das Gegenteil”, den zeichnen empfindliche gedankliche und denkerische Defizite aus.

Bei den 18- bis 19-Jährigen seien es „sogar 57 Prozent, die glauben, dass die USA für den Weltfrieden gefährlicher sind als der Iran, nur 25 Prozent sehen das umgekehrt”, empört sich der Fan des Systems der Vereinigten Staaten. In einem grauenvollen Deutsch.

Allein, dass sie die Ergebnisse einer Meinungsumfrage des Institutes Forsa als Glaubenssache bezeichnet und in dem Zusammenhang lange übers Glauben schwafelt, beweist die Dürftigkeit ihres „Denkens” und „Könnens”.

Ihre Ansichten bleiben ihr unbenommen. Aber: Von unbegründetem „Amerikahass” zu schwätzen, weil doch „eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen die USA” seien und „deutsche Wissenschaftler nichts Eiligeres zu tun” hätten, „als zum Forschen nach Amerika zu gehen”, ist eine Nummer auf dem Hochseil der Demagogie.

Es stimmt jedoch: Schon im Jahr 1945 sind mehr als 100 deutsche Entwickler der Angriffs-Rakete V2, darunter der General Walter Dornberger vom Heereswaffenamt, im Rahmen der „Operation Overcast” zu weiteren Forschungszwecken in die USA verschifft worden. Vorneweg der deutsche Wissenschaftler und SS-Sturmbannführer Wernher Magnus Maximilian Freiherr von Braun (1912-1977). So war es und nicht anders.

„Ganz anders” sei „es mit dem Iran”. Dabei erinnert die Märchentante an einen TV-Sketch bei dem der inzwischen gestorbene Entertainer Rudi Carrell 1987 „dem Führer der iranischen Revolution”, dem fundamentalistischen Groß-Ayatollah Rubollah Chomeini, einem religiösen Oberhaupt des iranischen Islam, Damenunterwäsche um die Ohren werfen ließ. Was zu bösen Reaktionen, bis hin zu Morddrohungen, aus der muslimischen Welt führte.

Interessant wäre, zu hören, ob die Dame es auch lustig gefunden hätte, wenn dem damaligen Pontifex Maximus Damenslips und BHs auf den Altar geworfen worden wären.

Von der angeblichen „Botschaft des Iran”: „Legt euch nicht mit uns an, das kommt euch teuer zu stehen”, können die Kubaner schon lange ein amerikanisches Lied singen. Und der Rest der Welt kann eines anstimmen, das von den engstirnigen Kreationisten-Auftritten des jetzigen Staatoberhauptes der Vereinigten Staaten handelt.

Abgesehen von den Gesängen, die von den Kriegen in Korea, Vietnam, Grenada, Panama und dem mit unsagbaren Lügen begründeten Überfall auf den Irak erzählen. Ganz zu schweigen von denen, die die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki im Jahre 1945 zum Thema haben.

Die Ära des Senators Joseph McCarthy, eines Menschen verachtenden Lügners und Heuchlers, sei nur am Rande erwähnt. Genau wie das Gefangenenlager im kubanischen Guantanmo in dem das Völkerrecht mit Füßen getreten wird; die Todesstrafe, der sogar Jugendliche und geistig Behinderte zum Opfer fallen; der allgemeine Waffenbesitz; die Morde an Ärzten, die legale Abtreibungen vorgenommen haben; die Missachtung des Kyoto-Protokolls zum Schutz der Umwelt; dem Ku-Klux-Klan und sonstigem Rassismus.

Das alles zu erwähnen, soll nicht helfen, das iranische System zu rechtfertigen. Es soll als Hinweis auf den Dumpfsinn der „Argumentation” der Kolumnistin dienen. Die könnte indes dadurch zur Besinnung kommen, dass sie sich die ersten beiden Verse des siebten Kapitels aus dem Evangelium nach Matthäus zu Gemüte führt:

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet. Denn nach welchem Recht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.”


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