2. Mai 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Monopoly Deutschland”

(Sueddeutsche.de 1. Mai 2007 18.04 Uhr)

„Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen, und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehret euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohl geht, so geht's auch euch wohl. Denn so spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Lasst euch durch die Propheten, die bei euch sind, und durch die Wahrsager nicht betrügen, und hört nicht auf die Träume, die sie träumen! Denn sie weissagen euch Lüge in meinem Namen. Ich habe sie nicht gesandt, spricht der HERR.”

(Der Prophet Jeremia, Kapitel 29, Verse 5 bis 9)

Das ist auch ‘ne Messlatte. Allerdings eine, die lange Zeit nicht unbedingt bundesweit angelegt werden konnte. Das Prinzip in grauer Vorzeit umherziehender Marketender wird indessen mittlerweile als ausgeklügelte Methode der Scharlatane des sogenannten Marketings allerorten angewendet: Sie setzt das Naturgesetz „Kein Baum wächst in den Himmel, kein Meer ist ohne Ende” außer Kraft. Denn:

Die Münchner Marketender – in Gestalt von Brauern und Schaustellern zum Beispiel – wollen seit knapp 200 Jahren in jedem Jahr mehr. In diesem dunklen Drang werden sie von ortsansässigen Lokalpatrioten – andernorts Lokaljournalisten gerufen – unterstützt. Das Motto monacensischer Berichterstattung ist: Größer, lauter, mehr:

Noch mehr Berühmte. Noch mehr Bier. Noch mehr Buden. Noch mehr Brez‘n. Noch mehr Besucher. Noch mehr Besoffene. Noch mehr Begrapschte. Noch mehr Beschiss. Noch mehr Beklaute. Noch mehr Beschädigte. Jeden Tag. Sechzehn Tage lang. Falls es nicht so läuft, sind sie sauer: die Betreiber und die BWL-„Reporter”. Größer, lauter, mehr. Toll. Toller. Tollhaus.

Diesen Treibsatz hat sich schon vor Jahren eine Münchner Gruppe von Kickern zu eigen gemacht. Die Umsätze ihres Vereins werden nur von der Größe ihrer stets aufgerissenen Schnauze übertroffen.

Und alle Welt staunt: „Aber hallo!” Und: „Donnerwetter!” Niemandem scheint aufzufallen, dass das, was ursprünglich einmal Vereinzweck war – die allgemeine, frohe Leibesertüchtigung – mit dem, was jetzt getrieben wird, nichts, absolut nichts zu tun hat.

Das ist im Laufe der vergangenen dreißig Jahre immer mehr Leuten aufgefallen, denen etwas Schöpferisches noch nie in den Sinn gekommen ist. Außer – wie sie sich und ihre Kumpane mit wenig Arbeit und lauter Schaumschlägerei reich machen könnten: „Marketing-Experten”, „Stil-Ikonen”.

Es ist allerdings eine Leistung, sich selbst so zu vermarkten, dass die auf Geld und Macht fixierten Sinn-Loser darauf hereinfallen. Wie der Kaiser, der sich von Aufschneidern hat neue Kleider bauen lassen.

„Fahrendes Volk”, das als „Vogel-Jakob”, als Verkäufer von unzerbrechlichen Kämmen, als Anbieter von Haarwuchsmitteln („Bevor ein Glatzkopf mein Elixier benutzte, hatte er mehrere kahle Stellen. Jetzt hat er nur noch eine!”), als Mixer von Liebestränken und als Vertreiber zweifelhafter Geschäfte durchs Land zog.

Heute residieren die Taschenspieler in noblen Palästen und beraten die Bosse des Großkapitals und die Emporkömmlinge der Politik. Sie „verplanen” ganze Städte und schlagen vor, auf welche Weise die am Besten zu verwursten sind.

„Das Volk”, die Menschen, die darin arbeiten wollen und leben möchten haben die nicht im Sinn. Aber im Auge! Sie sind für sie der Schwamm, den es auszupressen gilt. Versiegen die winzigen Löhne, Gehälter, Hartz-IV-Bezüge und Renten, werden die Schwämme beiseite getan. Am liebsten auf den Müll geschmissen.

„Im Land des Discountes und Geizes entwickelt sich ein neues Stadt-Bewusstsein: Wer wird die Schloss-Allee unter den deutschen Städten? Berlin, München, oder Hamburg? Vom neuen Ranking der Identitäten inmitten der Globalisierung”, war am 1. Mai in der Online-Ausgabe der „Süddeutschen Zeitung” zu lesen.

Der Artikel beginnt: „Es ist nur ein Spiel – aber natürlich schon deshalb eine ernste Angelegenheit. In ein paar Wochen kommt die Neufassung von „Monopoly” als „Deutschland Edition” in den Handel. In dieser Version werden die fiktiven Adressen – von der Badstraße bis zur Schlossallee – durch reale deutsche Städtenamen ersetzt. Und dann wird es spannend. Denn wer darf künftig als Schlossallee unter den Städten firmieren? Berlin, Hamburg oder München? Schwerin, Bielefeld – oder womöglich Chemnitz?”

Soweit heruntergekommen ist die deutsche Journaille, dass sie den „zunehmende(n) Wunsch nach einer Geographie, die mehr wäre als eine Zuschreibung von Koordinaten: eine geistig-kulturelle Überhöhung der politischen, ökonomischen und soziologischen Einheit” (SZ), bejubelt. Ohne mit einer Silbe zu erwähnen, dass das, was tatsächlich „mehr wäre”, nicht stattfindet.

Es werden Stadtschlösser im Wiederaufbau und Philharmonien im Neubau, die einem „nur so entgegen wachsen” in schrillstem Falsett besungen. Dabei gehe es „nicht allein um die Sehnsüchte nach repräsentativen Architekturen”, sondern gleichfalls „um die Konstruktion einer kulturellen Zuversicht, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt”. Wie „die Geschichte der Finanzierung” der Elbphilharmonie in Hamburg beweise.

Die Musikhalle entspreche der Zeit und werde nicht weniger repräsentativ sein als ein altes Stadtschloss. Was sie zu erwähnen vergessen, obschon es so fest steht wie eh und je, ist: Am Ende werden die „kleinen Leute” für den Erhalt der „spendierten” Schmuck-Schatulle der Reichen löhnen.

Und wenn Politschranzen und Marketingler hundertmal beteuern, der Erhalt der Paläste – für deren Entree die Trinkgelder, die als Löhne und Gehälter gezahlt werden, nicht reichen – werde aus Stiftungsgeldern bestritten werden.

Beim Betrachten „repräsentativer” Neubau- oder „luxussanierter” alter Viertel mit ihren eingebauten „Kultstätten” (Reiche mögen keine weiten Wege zur Kunst) bleibt dem „kleinen Mann” und seiner „kleinen Frau” die Luft weg. Dort haben sie keine bleibende Statt. Sie müssen raus aufs Land oder rein in potthässliche Vorstädte. In Ghettos, deren Namen allein zu nennen, Menschen stigmatisiert.

Der zum Rechtsgrundsatz gewordenen Ruf des Mittelalters, „Stadtluft macht frei”, ist verweht. Wollten sich einst Leibeigene aus der Fron ihrer Ausbeuter befreien, flohen sie in die Städte.

Heute müssen sie – der Baupreise oder der Miete wegen – an die mittlerweile unwirtlichen, meist kulturfreien Stadtränder zurück. Ganz dem von CDU und Großkapital gesteuerten blöd machenden Fernsehen ausgeliefert. Nix is mit Schlossallee und Parkstraße.

Diejenigen, die das zu veantworten haben, werden, so ist zu fürchten, nicht begreifen, was der 127. Psalm meint: „Wenn der HERR nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen. Wenn der HERR nicht die Stadt behütet, so wacht der Wächter umsonst. Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.”


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