3. Mai 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Machtkampf um 21 Cent”

(Süddeutsche Zeitung 2. Mai 2007)

„Das sind Brunnen ohne Wasser und Wolken, vom Wirbelwind umhergetrieben, ihr Los ist die dunkelste Finsternis. Denn sie reden stolze Worte, hinter denen nichts ist, und reizen durch Unzucht zur fleischlichen Lust diejenigen, die kaum entronnen waren denen, die im Irrtum ihr Leben führen, und versprechen ihnen Freiheit, obwohl sie selbst Knechte des Verderbens sind. Denn von wem jemand überwunden ist, dessen Knecht ist er geworden.”

(Der zweite Brief des Petrus, Kapitel 2, Verse 17 bis 19)

Einzig der Präsident des hamburgischen Senats und Erste Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Ole von Beust (CDU), muss Trauer tragen, falls eintritt, was angeblich geplant ist: Der Umzug der „Redaktion” eines Organs namens „Bild” von Hamburg nach Berlin.

Viele Hamburgerinnen und Hamburger dagegen, werden, angelehnt an einen Vers von Wilhelm Busch, vor sich hinsummen oder laut singen: „Heißa! rufet Sauerbort; heißa! dieses Blatt ist fort!!” Kirchenglocken werden (möglicherweise heimlich) läuten.

Zu früh gejubelt. Denn – nichts Genaues weiß „man” nicht. Und – selbst bei Eintritt des freudigen Ereignisses, verbliebe den Elbanrainern die „größte ‘Bild’-Lokalredaktion Deutschlands”. Aber – immerhin. Der Makel, diesen Schandfleck des deutschen Pressewesens in seinen Mauern zu beherbergen, wäre – endlich! – von Hamburg genommen.

Ohne die Krawall-Postille hätte die Stadt keinen CDU-Senat: Als in der Hansestadt im Jahre 2001 die Wahlen zur Bürgerschaft anstanden, betätigte der Boss des Gossenpamphlets, Kai Diekmann (*1958) – Freund des Fetten aus Dingsda und Ex-Mitglied der reaktionären Burschenschaft „Franconia” – die Reklametrommeln so für den Politirrwisch Ronald Barnabas Schill (eines Nachfahren des Freiheitskämpfers Ferdinand von Schill), dass das Wahlvolk meinen musste, ohne den sei die Stadt dem Untergang geweiht.

Schills Clique erhielt 19,4 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die CDU 26,2 und die SPD 36,5. Damit konnte der freundlich scheinende, von Hintermännern abhängige, tödlich langweilige Beust mit Schill eine gemeinsame Firma aufmachen. Was sie taten.

Das Ding platzte als Diekmann und sein Duz-Bruder von Beust zwei Jahre später das Gefühl bekommen hatten, die Schwarzen könnten es auch ohne den Schillernden.

Plötzlich entdeckten der Bildfälscher aus dem Springerhaus und sein Kumpel Ole von Blendax, dass ihr Mehrheitsbeschaffer nicht den rechten Schick für Hamburg habe. Sie inszenierten eine kleine Intrige und – haste-nich-gesehn – weg war der Störenfried vom Fenster.

Das hat zwar mit Zeitungmachen wenig, mit Propaganda indessen umso mehr zu tun. Vor allem erfüllte es den angestrebten Zweck. Insofern also wird außer Beust, den schwindenden „Bild”-Marodeuren niemand eine Träne nachweinen. Der Bagatelladelige hat es übrigens ohne Partner zum Länderchef gebracht, nachdem Diekmann & er den stets laut wiehernden Sch. abgehalftert hatten.

Schon gar nicht berührt der Vorgang den „Medienkoordinator” des Senats, Wolfgang Richtberg. Sagt der. Diese feuchte Leuchte des Nordens gab tatsächlich zu Protokoll: „Bei den heutigen technischen Möglichkeiten ist es egal, wo eine Redaktion sitzt.” Wenn dem so ist, weshalb will sich der Verlag dann den kostspieligen Umzug in die Hauptstadt leisten?

Vermutlich einfach aus Daffke. So wie sich die großmannssüchtigen Provinzpopanze, die sich „Herr Ministerpräsident” rufen lassen, ein Jux machen. Diese Wiedergeburten derer, der sich die deutschen Stämme vor 175 Jahren – im Mai 1832 beim Marsch der 30 000 auf das Hambacher Schloss – mit dem Ruf: „Einheit und Freiheit statt Fürstenwillkür und Kleinstaaterei” entledigen wollten.

Die heute „Gewählten” sind nicht einen Deut besser als damals die Schutzgeld erpressenden Vorläufer der heutigen Mafia. Die Parteiapparatschiks bedienen sich am Gemeinwesen, als sei es Eigentum der Parteien.

Sie greifen ab und zu, dass die Federn fliegen. So minieren sie die Freiheit des Rundfunks auf die Art, die einer der Mitbegründer des Rundfunks in der deutschen Demokratie, der Brite Hugh Greene (1910-1987), nach 1945 gerade nicht wollte.

Er hatte die Absicht aus dem Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR) eine Anstalt des öffentlichen Rechts zu machen. Unabhängig von kommerziellen Interessen und politischem Druck, zentralisiert und durch Gebühren finanziert. Das Wichtigste war ihm die völlige Unabhängigkeit des Rundfunks von politischen Parteien.

Auf keinen Fall dürfe es wieder so kommen wie in der Weimarer Republik, als Politschranzen die Journalisten in den Sendern überwachten. Der Rundfunk sollte sich durch Unabhängigkeit, Unvoreingenommenheit und Toleranz auszeichnen.

Das war wohl nichts. Radio und Fernsehen in Deutschland sind schwarze Flüstertüten. Beim Profit-TV in der Hand des internationalen Großkapitals, öffentlich geknechtet seit der Übernahme der Herrschaft in fast sämtlichen Bundesländern im Eigentum der Clerikal Demoskopischen Untoten.

Die könnten sich manches von dem, was sie sich erlauben, nicht leisten, wenn nicht schon die Spezialdemokraten so getan hätten, als dürften sie mit Redaktionen umspringen, als handele es sich jeweils um Gruppen schwer erziehbarer Jugendlicher.

Ausgerechnet die Typen, die den Deutschen in Taschen und Geldsäcke greifen, als mache es sie persönlich reich und als errege es sie sexuell, erklären öffentlich und vor Gericht, sie müssten den Fernsehmachern auf die Finger hauen, weil die für ihre Arbeit „zuviel” Geld forderten. Das sei dem deutschen Volk nicht zuzumuten. Als ob die sich jemals um das geschert hätten, was dem Volk zugemutet werden darf.

Die Rechnung tragen ausgerechnet diejenigen am Bundesverfassungsgericht und an offenen Mikrofonen und bei laufenden Kameras vor, die wenige Wochen zuvor, die Mehrwertsteuer um drei Prozent(!) erhöht haben. Und die beim Kürzen von Bezügen, die Arbeitslosen zustehen(!) und in ähnlichen Fällen, ohne mit der Wimper zu zucken, abschneiden.

Eine unabhängige Kommission von Fachleuten errechnet – so hatte das Verfassungsgericht es festgelegt – was die Sender brauchen, um auf dem technisch Laufenden zu bleiben und um Qualitätsarbeit abliefern zu können. Das sollten die Regierungen dann, weil von wirklich unabhängigen Expertinnen und Experten im Einzelnen belegt, vollstrecken. Pustekuchen.

Es geht nicht um juristische Spitzfindigkeiten. Es geht auch nicht um 21 Cent Gebühr im Monat mehr oder weniger. Es geht um die Freiheit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Es geht darum, dass das Politpestpack die Finger vom Rundfunk lassen soll, der allen Deutschen gehört. Es geht um die Pressefreiheit. Es geht um die Freiheit überhaupt.

Es ist auch im politischen Leben so wie es Jakobus der Gerechte im ersten Kapitel seines frommen Briefes schreibt: „Wer aber durchschaut in das vollkommene Gesetz der Freiheit und dabei beharrt und ist nicht ein vergesslicher Hörer, sondern ein Täter, der wird selig sein in seiner Tat.”


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