4. Mai 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Zentrale Datenbank erfasst
die Bürger über den Tod hinaus”

(Süddeutsche Zeitung 4. Mai 2007)

„So spricht Ben-Hadad: Dein Silber und dein Gold ist mein, und deine Frauen und deine besten Söhne sind auch mein. Der König von Israel antwortete und sprach: Mein Herr und König, wie du geredet hast! Ich bin dein und alles, was ich habe. Aber die Boten kamen zurück und sprachen: So spricht Ben-Hadad: Ich habe zu dir gesandt und sagen lassen: Dein Silber und dein Gold, deine Frauen und deine Söhne sollst du mir geben. Doch will ich morgen um diese Zeit meine Leute zu dir senden, dass sie dein Haus und die Häuser deiner Untertanen durchsuchen, und was ihnen gefällt, sollen sie nehmen und wegtragen. Da rief der König von Israel alle Ältesten des Landes zu sich und sprach: Merkt doch und seht, wie böse er's meint! Er hat zu mir gesandt um meine Frauen und Söhne, Silber und Gold, und ich hab ihm nichts verweigert. Da sprachen zu ihm alle Ältesten und alles Volk: Du sollst nicht gehorchen und nicht einwilligen.”

(Das erste Buch der Könige, Kapitel 20, Verse 3 bis 8)

Verkniestert und verbiestert wie viele Deutsche sind, lassen sie sich vom Amtsschimmel sogar vorkauen, auf welche Weise sie ins Himmelreich zu gelangen haben. Sprich: Wie sie unter die Erde oder ins Wasser kommen.

So wie der „Codex Iuris Canonici” (Codex des kanonischen Rechts) aus dem Jahre 1983(!) katholischen Christinnen und Christen (Priestern gleich dreimal) bis ins Legen der letzten Plisseefalte vorschreibt, wie sie was, wann, wo und weshalb zu tun und zu lassen haben, so sind teutsche Politokraten und ihre beamteten Handlanger seit Jahren dabei, das deutsche Volk über Gesetze, Verordnungen und bis ins kleinste Karo formulierte andere Vorschriften zu reglementieren und zu knebeln.

Britannia, du hast es besser. Eine britische Sargschreinerei bietet „Endzeitmöbel” an, dass einem die Augen übergehen. Wundervoll!

Nebenbei bemerkt: Dass Särge in der DDR von Apparatschiks Endzeitmöbel genannt worden seien, ist eine der vielen dümmlichen Sticheleien schwarzer Propagandamacher, die es mit ihrem Verlautbarungsvokabular gerade nötig haben.

Ein Mensch, der von denen, die seinen Tod betrauern, wie in August von Platens Ballade „Das Grab im Busento” in eine andere Welt geschafft werden darf, ist zu beneiden:

„Und am Ufer des Busento reihten sie sich um die Wette; / Um die Strömung abzuleiten, gruben sie ein frisches Bette. / In der wogenleeren Höhlung wühlten sie empor die Erde, / senkten tief hinein den Leichnam, mit der Rüstung, auf dem Pferde.”

In Großbritannien wär’ das vermutlich möglich. „Wir lehnen grundsätzlich keine Idee ab”, erklärt laut „Süddeutsche Zeitung” John Gill, einer der Co-Direktoren, der mehr als hundert Jahre alten Sargschreinerei Vic Fearn & Co. in Nottingham. „Jeder” habe das Recht, „seinen eigenen Abschied so zu feiern, wie er will.”

Der Mann hat Recht! Wer zu Lebzeiten nix zu lachen hat, wie die meisten Deutschen heutzutage, der soll sich wenigstens aus seinem Abgang einen Jux machen dürfen.

In Nottingham bauen Schreiner, angeleitet von David Crampton Wikingerboote, pillenförmige Pods, Biergläser, Skateboards und in was sonst noch sich Insulaner über den Jordan bringen lassen wollen. Gill & Crampton können sich vor Aufträgen kaum retten.

Etwa 75 Prozent der potentiellen Kunden von „Crazy Coffins” sind bei bester Gesundheit. Sie wollen nur sichergehen, dass sie in der verrückten Kiste die Seiten wechseln, die sie als für sich angemessen empfinden. John Gill drückt es britisch aus: „Kauf jetzt, stirb später.”

So behalten sogar solche Menschen das letzte Wort, die im Leben nichts zu melden hatten. Ein berührend schöner, wenn auch später Ausgleich.

Selbst das gönnen deutsche Behörden- und Politik-Kleinkaros den „Untertanen” nicht. Bis in den Grabschmuck, die Gräbereinfassungen, die Art und Form der Steine „regieren” sie mit ihrem drittklassigen Geschmack – den sie allein durch ihre Berufswahl unter Beweis gestellt haben – in das Leben, das Sterben und den Tod der Deutschen hinein.

Der augenblickliche Vorsteher aller veramteten Klotzköpfe, Wolfgang Schäuble (CDU, *1942), Bundesminister des Innern, allerdings überzieht seine Zugriffsmöglichkeiten in einem Maß, dass sich aufrechten Demokraten der Magen umdreht.

Der seit einem Attentat auf ihn an den Rollstuhl gefesselte Schwabe erweckt den Eindruck, er unternehme manches von dem, was er anzuleiern versucht, um alle anderen Deutschen im übertragenen Sinne gleichfalls so gut wie bewegungsunfähig zu machen.

Wer weiß, dass er so überwacht wird, wie Schäuble plant die Deutschen ausspionieren zu lassen, der bewegt sich nicht mehr. Und – der hält den Mund.

Das Ganze riecht so, als habe Schäuble die Absicht – sein Vorgänger Otto Schily (SPD) hat das infolge einer offenbar fortschreitenden Altersdemenz nicht anders gehandhabt – die spätestens Anfang des 19. Jahrhunderts abgeschaffte „Leibeigenschaft” oder „Leibherrschaft”, selten „Eigenbehörigkeit”, wieder einzuführen.

Fehlte nur, dass ihm in den Sinn käme, für Regierende das „Jus primae noctis” einzufordern. Dieses fiktive Recht eines Gerichtsherrn, bei der Heirat von Personen, die seiner Herrschaft unterstehen, die erste Nacht mit der Braut verbringen zu dürfen, käme den Eingesperrten von Berlin ganz sicher gut zu pass.

Was wie ein Scherz klingt, ist längst bittrer Ernst. Der angeblich evangelische Christ Schäuble kann noch nie von Martin Luther, vor allem aber von dessen Satz: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan” gehört haben.

Hätte er diese Kunde vernommen, betriebe er mit seinem fortdauernden Gefasel von „Sicherheit” und „Terrorgefahr” nicht einen solch schamlosen Etikettenschwindel.

Im heute gepflegten Deutsch für Ausländer wird das, was der Innenmister treibt, eine „self fullfilling prophecy ”genannt.

Solche sich selbst erfüllende Prophezeiung ist eine Vorhersage, die sich erfüllt, nur weil sie vorhergesagt worden ist oder erwartet wurde. Mit der Wirklichkeit hat das in aller Regel nichts oder nur äußerst wenig zu tun. Ums freundlich auszudrücken.

Wer in den jüngsten Tagen zur Kenntnis genommen hat, was ein Teil der Politszene im Schilde führt, der glaubt allerdings, was die „professionelle Politik” betrifft, schon lange nicht mehr an „gefühlte Angst und gute Absichten”. Dem schwant Böses.

So heißt es heute in der „SZ”: „Gestern wurde noch davor gewarnt, heute ist sie schon da: Jeder Bundesbürger, vom Säugling bis zum Greis, erhält eine ‘Identifikationsnummer’. Der Bundesdatenschützer Peter Schaar kämpft dagegen wie ein tapferer Don Quichotte.”

Es wird ihm nichts nützen, „der Staat” will das Volk elektronisch abgreifen, es nach allen Regeln der Niedertracht ins Auge fassen und so unter der Knute halten. Irgendwann werden sie Säuglingen, ohne Wissen der Eltern, Chips implantieren.

Und auf keiner deutschen Straße bilden sich kilometerlange Protestzüge, um den Förderern eines Gemeinwesens, das „oben” auf Lug und Trug und „unten” auf Spitzelei und Durchstechen gründet, in den Arm zu fallen. Eine Schande. Denn es hilft allein die Methode, die im 28. Kapitel des Buches Hiob beschrieben wird: „Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht.”


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