8. Mai 2007 Kommentieren 1. Jahrgang

„Das Leben mit Humor ertragen”

(Süddeutsche Zeitung 7. Mai 2007)

„Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, dass sie sich damit plagen. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“

(Der Prediger Salomo, Kapitel 3, Verse 10 bis 13)

ADAC und CSU sind eng miteinander verwoben. Was unter anderem daran zu erkennen ist, dass diese Lobby der Mineralöl- und der Automobilindustrie „Nix da!”, schreit, wenn wieder einmal – aus gegebenem Anlass – offiziell laut darüber nachgedacht wird, ob es nicht angezeigt sei, für „ältere Autofahrer” eine „verpflichtende Fahrtüchtigkeitsprüfung” einzuführen.

Huha, das geht den betagten Chef-Ideologen bei den Clerikalen Saturierten Untoten und ihren zahllosen Parteigängern in den oberen Etagen der automobilbewehrten deutschen Form der US-Waffenlobby (NRA: National Rifle Associaton) aber ans Steißbein.

Da kommt Leben in die sonst nur schwer Beweglichen des Vereins „Alt – Debil – Aber Chauffieren”. Kurz: ADAC. Das Dagegenhalten üben sie abwechselnd mal im Hauptquartier der Parteichristen, mal in dem der Industrie- und der Autofahrer-Lobby.

Klar, Jugend ist so wenig ein Verdienst wie das Alter. Aber – bei den Alten sind es Heerscharen, die psalmodierend auf sechzig oder mehr Jahre mit falschen Erfahrungen hinweisen. Ohne auch nur zu ahnen, dass es die falschen waren.

Es lässt sich eben nicht alles über einen Leisten schlagen. Schon gar nicht mit Hilfe von ADAC-genehmen Statistiken, die besagen, dass Fahrer, die älter sind als 65 Jahre, „nur neun Prozent aller Unfälle mit Personenschäden verursachen”. Und das, obwohl diese Gruppe „einen Bevölkerungsanteil von siebzehn Prozent” repräsentiere.

Davon, dass die sich in aller Regel sehr viel seltener ans Lenkrad setzen (wodurch sie an Routine verlieren) als Menschen mittleren Alters und davon, dass sie andere „Verkehrsteilnehmer” an ihrer Stelle Obacht geben und mit Übersicht fahren lassen, davon können die greisen Funktionäre in den verschwisterten Vereinen der Clerikalen und der Chauffeure nie etwas gehört haben.

Sie erklären, nicht das Alter sei von Belang, sondern Erfahrung, Routine und Gesundheit. Naja. Zur Gesundheit nur soviel: Was ist daran diskriminierend, wenn sich Menschen von einem bestimmten Alter an, zu ihrem und anderer Leute Schutz, vorsorglich medizinisch untersuchen lassen sollen? Nichts!

Es sei denn die Alten hätten längst selbst bemerkt, dass sie derart verkalkt sind, dass sie das Lenken von Kraftfahrzeugen und von Staatsgeschäften eigentlich an den Nagel hängen sollten.

Wer sich an die frei gehaltenen Reden des bayerischen Staatsmannes Edmund Stoiber in den zurückliegenden zwei oder drei Jahren erinnert, der weiß wovon die Rede ist. Gewiss nicht davon, dass der Mann schon in jungen Jahren ein Stammler allererster Güte war.

Wer allerdings das traurige Schicksal des seit frühkindlichen Tagen an Altersdemenz leidenden Generalsekretärs der Untoten vor Augen hat (leidenden? leidet der wirklich daran?), der fragt sich, wieso durfte der überhaupt jemals irgendetwas führen? Wurscht, ob Auto, Geschäfte oder das große Wort.

Die Frage indes rechtfertigt keineswegs pauschale Überschriften, wie sie sich die „Süddeutsche Zeitung” heute leistet: „Die CSU im Wandel zur Geronto-Union”.

Die im Artikel genannten Politschwalben Günther Beckstein (63), Erwin Huber (60), Horst Seehofer (57), Siegfried Schneider (51), Thomas Goppel (60), Michael Glos (62), Hans Spitzner (63) und Bernd Kränzle (64) sind keine Greise.

Aber – sie waren bereits Fälle für den Geriater als sie vor fünfundzwanzig und mehr Jahren in die Politik strebten. In Karrieregeilheit erstarrte Jungnickel, so dass verharschter, verhärteter, verstockter kaum ein Mensch sein kann. Es sei denn, er ist aufstiegsfroher BWL-Redakteur, zwischen Mitte und Ende Dreißig.

Schön ist, zu beobachten, dass es einer, der es nicht mit Gewalt hat wissen wollen, leichten Fußes an die Spitze geschafft hat: der Kabarettist Gerhard Polt.

Dem trauen sich die taffen Blitzkuriere der deutschen Schleiflack-Journaille seinen gerade erreichten fünfundsechzigsten Geburtstag so wenig vorzuwerfen, wie den Wirtschaftsbossen, denen sie auf Schleim kriechend hinterher eilen.

Bei dem wüssten sie, dass er sie mit nur einer angedeuteten Bewegung seines Kopfes – den er im Gegensatz zu ihnen, tatsächlich zum Denken und zum Nachdenken benutzt – im nächsten geöffneten Gully versenken könnte.

Was er nie täte, weil er nicht nur klug und gebildet, sondern ein fühlender Mensch ist. Einer, der ganz sicher weiß, dass derjenige in den besten Jahren ist, bei dem sich die Jungen über die Alten und die Alten über die Jungen beschweren.

Und der auf die Journalistenfrage, was „man” anders machen solle, erwidert: „Es ist wirklich schade, dass junge Leute und Kinder nicht hingeführt werden auf die Möglichkeit, das Leben anders zu sehen als eins zu eins aus der Froschperspektive.”

Einer der spürt, dass sich mit Ironie – auch gegen sich selbst – ein Überlebenspolster schaffen lässt. Der sagt: „Aber so verhungern die Menschen seelisch und geistig, bloß, damit sie’s zu irgendwas bringen.”

Die Ergebnisse des seelischen und geistigen Hungerns seien allerorten anzuschauen: „Und die haben dann das Gefühl, wenn sie das anders machen, verlieren sie ihre Zeit. Dabei gewinnen sie das Leben.”

Wenn ihm das durch den Kopf gehe oder er mitbekomme, was manche Menschen an Leid und Schmerz hinzunehmen hätten, dann werde ihm klar, „dass Humor … auch das Vermögen bedeutet, etwas zu ertragen.”

Um sogleich danach zu verlautbaren, „dass uns die Kirche jetzt die Vorhölle gestrichen hat, das ist ein Skandal”. Da hätten die Leute 2000 Jahre lang an eine Vorhölle geglaubt „und jetzt sagen die einfach: Die gibt’s gar nicht. Da protestiert keiner und sagt: Des stimmt nicht, die gibt’s schon!”

Der nächste Schritt sei, „das Fegefeuer ist weg, und wenn’s ganz ernst wird, kommt die Hölle auch noch dran.” Da fahre die Hölle zur Hölle. Das sei „ein unglaublicher Vorgang!”

So kann’s kommen, wenn alte Männer die unfehlbaren Ein- und Ansichten ihrer Vorgänger für fehlbar halten. Dann stellt sich heraus wie recht der Prediger Salomo hatte mit seinem:

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit, töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit; Steine wegwerfen hat seine Zeit, Steine sammeln hat seine Zeit; herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit; suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit; zerreißen hat seine Zeit, zunähen hat seine Zeit; schweigen hat seine Zeit, reden hat seine Zeit; lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Friede hat seine Zeit. Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.”


Einen Kommentar schreiben